• (Foto: Archiv dpa)

Schüler bei Pegida-Demo bedroht - Pegida widerspricht

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Am Montag­abend sind Kinder vor dem Schau­spiel­haus von Teilneh­mern der Pegida-Demons­tra­tion bedroht und belei­digt worden. Wie eine Sprecherin des Schau­spiel­hauses mitteilte, seien etwa 100 Kinder nach dem Ende der Vorstel­lung aus dem Haus gekommen. Zeitgleich sei der Demons­tra­ti­onszug von Pegida am Haus vorbei­ge­zogen.

Kinder seien als "faules Pack" beschimpft worden, Demons­tranten riefen "macht euch in die Schule" oder "schämt euch". Zudem sind einige Teilnehmer aus dem Demons­tra­ti­onszug auf Kinder zugegangen, haben vor ihnen ausge­puckt, hätten sie mit brennende Zigaretten bedroht und als Drohgeste Handschuhe angezogen. Einige Schüler riefen daraufhin in den Arkaden des Schau­spiel­haues "Nazis raus", sagte Ralf Seifert vom Organi­sa­ti­ons­team des Schul­theater-Festi­vals. Pegida-Gründe Lutz Bachmann demen­tierte die Vorwürfe in einer ersten Reaktion. "Ich kann mir das von unserer Seite nicht vorstellen", sagte Bachmann unserem Sender (vollstän­diges State­ment unten).

Zahlreiche Kinder haben körper­lich heftig reagiert und bitter­lich geweint, teilte Seifert mit. Man habe die Kinder dann schnell ins Schau­spiel­haus geholt und die Vorfälle disku­tiert. Für Diens­tag­abend wurde kurzfristig eine weitere Info- und Diskus­si­onver­an­stal­tung mit "Dresden für alle" im Kleinen Haus organi­siert. Das Schul­thea­ter­fes­tival solle dennoch wie geplant weiter laufen. Beim Schul­theater-Festival der Länder gastieren mehrere hundert Schüler aus dem gesamten Bundes­ge­biet in Dresden. Am Montag­abend hatten Schüler aus Hamburg ihr Stück aufge­führt.

Kultus­mi­nis­te­rium veröf­fent­lich offenen Brief

Das Kultus­mi­nis­te­rium verur­teilte die Vorfälle in einem offenen Brief (siehe unten). Schauspielhaus Intendant Wilfried Schulz teilte mit: „Wir sind entsetzt und beschämt. So etwas darf auch in Dresden nicht passieren. Wenn Kinder und Jugendliche, die zu Gast in unserer Stadt sind, beschimpft und bedroht werden, wird eine menschliche und moralische Grenze überschritten. Wir hoffen, dass viele Menschen innehalten und nachdenken“.

Anzeige ist nicht erstattet worden, hieß es. Körper­lich verletzt worden sei niemand. Der Dresdner Polizei liegen keine näheren Infor­ma­tionen zu den Vorfällen vor, sagte Sprecher Thomas Geithner. Dem Einsatz­leiter von Montag­abend sind keine entspre­chenden Vorfälle angezeigt worden. Ledig­lich von verbalen Ausein­an­der­set­zungen sei die Rede gewesen, sagte Geithner am Mittwoch­abend auf Nachfrage. Wie Ralf Seifert vom Veran­stal­tungs­team sagte, sei niemand zu Schaden gekommen, Lehrer und Schüler, seien aber entsetzt gewesen.

Lutz Bachmann demen­tiert: "Ich kann mir das nicht vorstellen"

"Ich kann mir das von unserer Seite nicht vorstellen", sagte Pegida-Gründer Lutz Bachmann. "Ich weiß nur von einer verbalen Ausein­an­der­set­zung", sagte Bachmann auf unsere Anfrage am Telefon. Unsere Seite habe Anzeige erstattet, weil geschrien wurde "euch Nazi sollte man alle vergasen". Pegida ist prinzi­piell immer fried­lich gewesen, sagte Bachmann.  Auch in der Nachbe­spre­chung sei von Polizei­seite von nichts die Rede gewesen. Das ganze werde hochge­puscht, sagte Bachmann.

Polizei: "Verbale Ausein­an­der­set­zungen, keine Anzeigen"

Wie ein Polizei­spre­cher abschlie­ßend am Abend auf Nachfrage unserem Sender sagte, gebe es von keiner Seite eine Anzeige. Es gab verbale Ausein­an­der­set­zungen, es gab aber keine Bedro­hung im Sinne des Straf­ge­setz­bu­ches. Die Situa­tion sei für die Kinder aber durchaus verstö­rend und bedroh­lich gewesen.

Pegida-Anhänger wider­spre­chen Darstel­lung

Zahlreiche Pegida-Anhänger meldeten sich per E-Mail und telefo­nisch und wider­spra­chen der Darstel­lung des Kultus­mi­nis­te­rium. Zum Beleg wurde auch ein kurzes Video des Demonstrationszuges am Schauspielhaus veröffentlicht (siehe unten).

Sigrid W. schreibt: "Ich war vor dem Schau­spiel­haus als die Kinder rauskammen, kein Pegida-Anhänger hat sie angegangen im Gegen­teil die Provo­ka­tion kam von der anderen Seite."   

Annett B. schreibt in einer E-Mail:

 

"Ich nehme seit fast 1 Jahr an der Pegida Bewegung teil und es gab noch nie Übergriffe und Gewalt von unserer Seite. Aller­dings mussten wir uns ständig Beschimp­fungen anhören und uns beschützen lassen."

Jens M., der das Video gefilmt hat, schreibt dazu:

Diese (die Kinder) standen mit "Nazis raus" Schil­dern am Schau­spiel­haus und ich habe keine Kinder weinen sehen. Im Video können Sie hören, wie selbst die Polizisten zu den PEGIDA Teilneh­mern sagten: "geht weiter, lasst euch nicht provo­zieren."

(Redak­tio­neller Hinweis: Der Artikel wird bei neuen Infor­ma­tionen ergänzt. Das State­ment von Lutz Bachmann wurde ergänzt. Zudem wurden weitere Infor­ma­tionen des Polizei­spre­cher am Abend ergänzt. Am Mittwoch­vor­mittag wurde der Artikel um die Videos und die Reaktionen von Demo-Teilneh­mern ergänzt. Unser Sender ist Medien­partner des Schul­theater-Festi­vals.)

Offener Brief des Kultusministeriums an die Gäste des Festivals der Schultheater der Länder

Liebe Schüle­rinnen und Schüler, liebe Gäste des Festi­vals der Schul­theater der Länder,

wir

haben Euch nach Dresden einge­laden und willkommen geheißen, um mit Euch

gemeinsam das Festival der Schul­theater der Länder zu feiern. Aus

vielen Bundes­län­dern seid Ihr zu uns gekommen und wolltet mit viel

Freude in Dresden Theater spielen. Doch unsere Gastfreund­schaft wurde

von Pegida-Demons­tranten mit Füßen getreten. Wir sind entsetzt und

betroffen, dass Ihr am gestrigen Montag­abend vor dem Schau­spiel­haus

Dresden von Pegida-Demons­tranten angegriffen, belei­digt und bedroht

worden seid. Wir verur­teilen die Angriffe auf Euch zu tiefst. Es ist

beschä­mend und spricht Bände für emotio­nale Armut und Klein­geis­tig­keit

dieser Menschen, die Euch bedroht haben.

Ihr steht für eine

andere Gesell­schaft. Das diesjäh­rige Festival der Schul­theater der

Länder steht unter dem Motto »Forschendes Theater«. Diese Theater­ar­beit

setzt sich mit der Wirklich­keit fragend und suchend, neugierig und offen

ausein­ander. Haltet daran fest. Lasst Euch nicht von der

Klein­geis­tig­keit der Pegida-Demons­tranten verun­si­chern.

Um die

Gescheh­nisse mit Euch aufzu­ar­beiten, haben wir Vertreter des Netzwerkes

»Dresden für Alle« heute Abend einge­laden. In zwei Gesprächs­runden soll

das Erlebte mit Euch aufge­ar­beitet werden. Lasst uns gemeinsam für eine

freie und offene Gesell­schaft eintreten.

Dirk Reelfs

Presse­spre­cher des Sächsi­schen Staats­mi­nis­te­riums für Kultus