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Samba in Pulsnitz? Wie es brasilianischen Pflegekräften in Sachsen geht

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Die Anwerbung brasilianischer Pflegekräfte gestaltet sich nach Ansicht von Sozialministerin Petra Köpping (SPD) schwierig. Zum einen sei die deutsche Sprache nicht einfach für die Interessenten, sagte sie in Dresden. „Aber das andere ist natürlich auch nach wie vor Vorbehalte, Ressentiments, natürlich auch die Entfernung von den Familien.“ Köpping war Anfang 2024 mit Vertretern von Kliniken nach Brasilien gereist, um die Anwerbungen zu unterstützen. Sie sei froh über die Unterstützung der Brasilianer und anderer ausländischer Pflegekräfte in Sachsen, sagte sie weiter. „Wir brauchen die ausländischen Pflegefachkräfte dringend in Sachsen. Sie sind hoch motiviert und oft bestens ausgebildet.“

Respekt unter Kollegen

Absolventin Ana Maria da Silva erklärt: „Eine Ausbildung zur Pflegekraft dauert bei uns fünf Jahre, wir haben einen Uni-Abschluss.“ Sie kam mit ihrem Kind und Mann, einem promovierten Ingenieur, nach Sachsen und hat sich gut in Pulsnitz eingelebt. Ihr Mann darf wegen eines fehlenden Aufenthaltstitels bisher in Deutschland weder arbeiten noch einen Deutschkurs machen. „Hier herrscht viel Bürokratie. Wir wollen arbeiten, mein Mann hat eine Topausbildung“, so Ana Maria. „Die Klinik tut unwahrscheinlich viel für uns. Aber die Kollegen fragen manchmal komische Sachen, als ob wir die nicht wüssten und sind ungeduldig, wenn wir nicht gleich ein bestimmtes Wort in Deutsch kennen“, bedauert sie. Ihre Kollegin Leticia de Lima Albuquerque nickt, ergänzt: „Wir sind hier, wir haben viel Wissen und wollen arbeiten. Die Gesellschaft sieht das nur noch nicht ausreichend.“ Es sei ein Kindheitstraum von ihr gewesen, im Ausland zu arbeiten und zu leben. Sie arbeiten hart an der Umsetzung. Ein Jahr lang werden sie noch speziell fürs deutsche Gesundheitssystem geschult bevor sie Anfang nächsten Jahres ihre Zeugnisse und einen festen Arbeitsplatz erhalten. 

Mehr Ausbildung in der Pflege

Generell werde inzwischen wieder mehr in der Pflege ausgebildet, sagte Köpping weiter, ohne konkrete Zahlen zu nennen. Man müsse sich aber weiter massiv anstrengen und auch in der Anwerbung von Fachkräften noch besser werden. Denn bis 2031 fehlen im Freistaat 5000 Pflegekräfte, während die Sachsen selbst immer älter werden.

Köpping verwies darauf, dass schon knapp 500 syrische Ärzte in Sachsen beschäftigt seien. Das seien tolle Zahlen, aber bei Pflegekräften oder Hilfskräften gebe es nach wie vor ein Defizit. „Anwerben von Fachkräften ist ein zentrales Thema geworden. Da müssen wir besser werden“, so Köpping. 

Carsten Tietze, Klinik-Chef der VAMED Klinik Schloss Pulsnitz, bildet die brasilianischen Pflegekräfte in einem Pilotprojekt bei sich aus, hat mittlerweile über 50 mit ausländischen Wurzeln. Er sagt knallhart: „Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern zehn nach zwölf in Sachen Fachkräftemangel. Wenn ich die brasilianischen Pflegekräfte nicht hätte, müsste ich Teile der Klinik schließen und perspektivisch wäre es nur eine Frage der Zeit, bis das ganze Haus schließen müsste, und damit wäre dann natürlich ein sehr starker Versorgungsengpass gegeben.“

Köpping berichtete zudem von Vorbehalten auf der brasilianischen Seite: Dort wolle man inzwischen eine Wechselwirkung und nicht nur den Wegzug von gut ausgebildetem Personal. So sei eine Zusammenarbeit mit der Uni Leipzig angedacht, von der Brasilien profitieren könne. Wobei die brasilianischen Absolventen der Ministerin erzählten, sie seien vor dem Umzug nach Deutschland oft arbeitslos gewesen, es gäbe zu wenige Stellen für Pflegepersonal in Brasilien. Auch mit Vietnam wurde schon ein Austausch beschlossen, der später jedoch an der deutschen Bürokratie scheiterte. 

Nun steht ein Abkommen mit Kolumbien in Aussicht, weitere Pflegekräfte zu gewinnen, „und das werden wir versuchen“, so Köpping. 

Audio:

Klinik-Chef Carsten Tietze vertraut auf brasilianische Pflegekräfte
Ministerin Köpping zum Pfleger-Bedarf
Ana Maria und Letitia berichten von ihren Erfahrungen