Sachsen-Professor erfindet selbstheilende Reifen und wird jetzt preisgekrönt
Er hat zwar nicht das Rad neu erfunden, aber den Reifen irgendwie schon! Prof. Gert Heinrich aus Dresden forscht seit einem halben Jahrhundert am Material Gummi und allem, was man damit machen kann. Jetzt wurde er in den USA für seine „herausragenden Innovationen für die Wissenschaft und Technologie von Gummi“, geehrt - so steht es auf seiner Plakette. Namensgeber der Medaille ist Chemiker Charles Goodyear (1800 - 1860), der Erfinder des vulkanisierten Gummis und Namenspatron für Autoreifen.
Der Professor kennt die Industrie in und auswendig. Zu DDR-Zeiten forschte er bereits an der Technischen Hochschule Leuna-Merseburg, war dann zwölf Jahre in der Materialforschung bei Continental in Hannover und zuletzt am Dresdner Leibniz-Institut für Polymerforschung. Er ist erst der vierte Deutsche, dem dieser Preis zuteil wurde, seit die Goodyear-Medaille 1941 ins Leben gerufen wurde.
Seine wohl greifbarste Erfindung ist die der selbstheilenden Reifen! Das sind nicht die Autoreifen, die es jetzt schon gibt, bei denen man sich z.B. einen Nagel einfährt und dann das Loch mit einem zähflüssigen Material verfüllt wird, so dass man auf der Autobahn keinen Platten bekommt. Sondern der gebürtige Vogtländer hat ein „völlig neues Vernetzungssystem (der Polymere im Gummi, d.R.)“ geschaffen, „das selbstheilende Eigenschaften aufweist.“ Das bestehe darin, dass Abrieb, Verschleiß oder auch Rissausbreitung durch die neue Gummi-Rezeptur, „unterdrückt“ würden.
Wunderreifen bald zu kaufen
Um das zu erreichen, brachte Heinrich „Dinge aus der Chemie, Physik und den Ingenieurwissenschaften in einer gesamtheitlichen Betrachtungsweise zusammen“. Sein „magisches Dreieck“ für den perfekten Reifen liegt zwischen Rollwiderstand, Griffigkeit und Haltbarkeit.
Bei einem Labor-Besuch zeigt der Professor, wie er einen Streifen des Gummimaterials in der Mitte zerschneidet und die Schnittkanten wieder aneinander legt. Sie verbinden sich erneut! So ähnlich soll das auch bei Mikrorissen in Reifen funktionieren und so die Lebensdauer erhöhen, aber auch den (umweltschädlichen) Abrieb verringern.
Ein Start-up in England will die Reifen nun in die Praxis bringen - der nächste wichtige Schritt, bevor die Wunderreifen im Handel erhältlich sein werden. Einen konkreten Verkaufsstart wollte der Professor allerdings noch nicht nennen.
1 Milliarde Altreifen
Bei der Entwicklung fiel den Forschern um Bert Heinrich noch ein zweiter Vorteil auf: Die neu geschaffenen Verbindungen im Gummi zerfallen unter einer bestimmten Temperatur und so lassen sich alte Reifen wesentlich effektiver und energieschonender recyceln. Eine Industrie fast so groß wie die Reifenproduktion selbst! Laut Prof Heinrich werden im Jahr 1,7 Milliarden Reifen produziert und 1 Milliarde weltweit auch wieder entsorgt.
Weil auch der Reifenabrieb als Feinstaub so umweltschädlich ist, pocht die EU ab 2028 auf die Umsetzung der Euro7-Norm, nicht nur für Abgas, sondern auch für Reifen-Abrieb. Die regelt, wie viel Milligramm Reifenpartikel pro Kilometer ein Reifen in Europa noch freisetzen darf. Wie das zu berechnen und auch zu testen sei und welcher Gummi diese Voraussetzungen überhaupt erfüllt, das sei eine der großen Herausforderungen der Zukunft, so Prof. Heinrich.