Prof. hat drei Theorien zum Brückeneinsturz
Nach dem Teileinsturz der Dresdner Carolabrücke hat der Brückenexperte Steffen Marx Zweifel an den bisherigen Prüfmethoden von Brücken geäußert. Bei der Bewertungsmethodik habe man sich bisher sicher geglaubt, sagte der Professor am Institut für Massivbau an der TU Dresden bei einer Pressekonferenz in Dresden. „Wir haben gesehen, das ist nicht ausreichend der Fall.“
Marx ist mit den Untersuchungen zum Teileinsturz der Carolabrücke beauftragt. Die Untersuchungsmethodik für den verbauten Spannstahl sei ausgeführt worden und mit positivem Ergebnis ausgegangen, erläuterte er. Auch der Nachweis des sogenannten Riss-vor-Bruch-Kriteriums sei erfüllt gewesen, demzufolge in einem Bauwerk erst ein Riss auftreten soll, bevor es einbricht.
Die Carolabrücke sei zwar die größte Stahlbetonbrücke der DDR gewesen, aber letztlich eine von sehr vielen dieser Art in ganz Deutschland. Die Untersuchungsergebnisse aus Dresden hätten daher Bedeutung für die Brückenüberwachung in der gesamten Bundesrepublik.
Stahlbetonbrücken jetzt unter Beobachtung
„Die Frage ist natürlich: Wie kommen wir zu einer sicheren Bewertung?“, sagte Marx. Es gebe andere Methoden, mit denen man die Sicherheit verbessern könne, etwa Schallemissionsmonitoring, erklärte er. Dabei werden Mikrofone an der Betonoberfläche befestigt, die das Brechen von Drähten in der Brücke erfassen können.
Bei der Brücke in der Königsbrücker Straße kommt diese Methode, laut Marx, bereits seit einem halben Jahr zum Einsatz. Dort seien keine Schädigungen gemessen worden. Gemeinsam mit der Stadt Dresden schaue man auf die bestehenden Spannbetonbrücken noch mal mit einem anderen Blick. „Noch ein Einsturz wird uns nicht passieren“, sagte Marx.
Einsturz ohne Verkehrslast - drei Theorien
Marx bezeichnete den Einsturz, der sich am frühen Morgen des 11. September ereignete, ohne Verkehrslast als „sehr untypisches Versagen“. „Eher ist wahrscheinlich, dass eine Brücke unter Volllast einstürzt.“
Aktuell hat er dazu zwei Theorien: Es könnte ein Schwertransport, der kurz zuvor die Brücke passierte, den Bruch der ohnehin verrosteten Stahlteile in der Brücke ausgelöst haben. Dazu werte man Videomaterial der Weißen Flotte aus, das die Brücke im Laufe der Nacht zeigt.
Als weitere Möglichkeit käme der Wetterumschwung in Betracht. Die Brücke sei durch die lange Hitzeperiode auch im Inneren aufgewärmt worden. Die anschließende Abkühlung in der Einsturznacht habe den Effekt, „wie wenn Sie einen Eiswürfel in ihren Sekt geben - es knackt“, so Prof. Marx. Das Knacken sei die Eigenspannung im Bauwerk, die an Randbereichen dann zu hoch gewesen sein könnte.
Und nicht zuletzt die Straßenbahnen könnten dem Bauwerk zugesetzt haben. Zum einen durch die Schwingungen beim Überqueren der Brücke, die über die Schiene direkt auf den Beton und die darunter liegende Stahlkonstruktion übertragen wurden. Und zum anderen durch sogenannte Streustrom-Korrosion. Dabei beschädigt die elektrische Ladung die Stahllegierung, macht den Stahl somit anfälliger für Rost.
„Das sind mögliche Auslöser, aber nicht die Ursache des Einsturzes. Die liegt relativ eindeutig im Bereich der Korrosionsprozesse“, betonte Marx. Bei bisherigen Materialprüfungen aus der Brücke habe man festgestellt, dass von 156 untersuchten Stahlstreben 40 Korrosionsschäden aufwiesen.
(mit dpa)