Moritzburg feiert 100 Jahre Hengstparaden
„So, jetzt kommt die Raute - halt, halt, halt, wo stimmt was nicht?“ Der erste Hauptsattelmeister des Landgestüts Moritzburg vor den Toren Dresdens ist nicht zufrieden an diesem Vormittag. Es ist der erste Versuch zur Quadrille, ein Highlight der Moritzburger Hengstparaden im September. Ein paar Minuten später sind Rappen, Braune und Apfelschimmel samt Reitern in die Formation sortiert. Bei der Generalprobe kurz vor der Premiere an diesem Samstag klappt alles, auch mit Livemusik vom Polizeiorchester und Zaungästen.
Für das dreieinhalbstündige Programm, das an drei Wochenenden gezeigt wird, haben etwa 135 Rösser seit Anfang August zweimal pro Woche geprobt. Zum 100-jährigen Jubiläum der Leistungsschau, die jährlich Zigtausende aus dem In- und Ausland besuchen, soll alles klappen. „1924 fand die erste Parade hier statt“, sagt die Leiterin der Sächsischen Gestütsverwaltung mit dem Landgestüt Moritzburg und dem Hauptgestüt Graditz, Landstallmeisterin Kati Schöpke. Die Schaubilder beziehen sich auf das, „was es damals auch zu sehen gab“ und was die Moritzburger Hengstparaden ausmacht: große Gespann-Nummern - Acht-, Neun-, Elf- und 16-Spänner, Haflinger in Koppel und freier Bahn sowie Dressur- und Spring-Quadrillen, das Herzstück.
Landgestüt Moritzburg pflegt selten gewordene Tradition
Solche Schauveranstaltungen waren früher üblich in den Landgestüten, sagt Manfred Schäfer, Ehrenvorsitzender des Hannoveraner Verbandes. Mittlerweile gibt es sie so auch noch in Warendorf, Neustadt/Dosse, Marbach und Schwaiganger. Die Vorstellung der Hengste in dieser Form sei wichtig für den „Vergleich der Vatertiere, um das Richtige für die meist privat gehaltenen Zuchtstuten zu finden“. Und Sachsens Landgestüt leiste sich mit der sehr großen Hengstparade ein Kulturgut. Die war schon zu DDR-Zeiten eine Attraktion - und hat laut Schäfer auch überregional Bedeutung.
So ist das Spektakel auf dem Paradeplatz des 1828 gegründeten landeseigenen Gestüts unweit des berühmten barocken Jagdschlosses Moritzburg auch diesmal ausverkauft, wobei Ende April „enorm frühzeitig“ war. „Ein Rekord“, sagt Schöpke. Die je drei Paraden sind ein fester Termin im Jahreskalender vieler Züchter in Deutschland und auch die Vorstände der Zuchtvereine verschaffen sich dort „fast geschlossen“ einen Überblick. Daneben „ist es nach wie vor ein gesellschaftliches Ereignis“, und soll ein breites Publikum für das Pferd begeistern und interessieren - mit Stammpublikum teils seit Jahrzehnten.
Veranstaltung mit wechselvoller Geschichte
„Nach dem Anfang vor einem Jahrhundert mit 400 Zuschauern gab es 1925, 1928 und 1933 weitere Ausgaben“, sagt Schöpkes Vorgänger Matthias Görbert. Erst 1950 folgte die nächste Parade, mit Auflösung der Landgestüte 1951 gab es in Moritzburg nur Turniere mit Schaubildern, aber 20.000 Besuchern. Mit der Einrichtung als volkseigene Hengstdepots kehrte die Parade dann fünf Jahre später zurück. „1960 wurden die ersten Haflinger gezeigt, schon 1959 der berittene Fanfahren-Zug eingeführt, 1963 erstmals ein 16-er Zug gezeigt und dann die großen Quadrillen“, erzählt Görbert. Und historische Schaubilder bis zur Kosaken-Reiterei und Pushball-Spiel. „Das diente der italienischen Armee in den 1920er Jahren zur Entspannung von Pferden und Mannschaft.“
Seit 1956 finden jährlich Hengstparaden statt, auch in den Corona-Jahren, in kleinerer Form. „Das hielt zumindest Tradition, Optimismus und vor allem die Versiertheit in den Schaubildern“, erinnert Schöpke. Für die Gestütsmitarbeiter ist es ein Jahreshöhepunkt - und für die Hauptdarsteller eher Vergnügen. Imponieren und Präsentieren sind laut Schöpke natürliches Verhalten des Hengstes. Während ihr Organismus von Februar bis Juli auf die Bedeckung der Stuten zur Sperma-Produktion eingestellt ist, werden sie im Sommer konditioniert und ihre Muskeln trainiert.
Programm mit Anspruch und Vergnügen
In der Parade sind 130 bis 135 Hengste, die entsprechend Rasse, Zuchtziel und Nutzung gezeigt werden: das schwere Warmblut als klassisches Kutschpferd, moderne Reitpferde in Quadrille sowie Vielseitigkeit und gutes Gemüt der Haflinger. Unter ihnen ist mit Valenzio auch ein echter Star. Der Braune war 2016 Weltmeister der jungen Fahrpferde. Beim Schweren Warmblut ist ohnehin jedes Tier ein Unikat. „Ohne die Züchter in Sachsen und Thüringen wäre die Rasse ausgestorben“, sagt Görbert. Zu DDR-Zeiten sollten wegen der Umzüchtung von Arbeits- zum Reitpferd alle Hengste kastriert werden, „sie galten als unmodern“. Die damalige Gestütsdirektorin Herta Steiner ignorierte 1971 die „Anweisung von oben“ und brachte die zwölf Moritzburger Hengste in der Fahrtouristik unter.
Neben Hengsten für die Zucht von Reit- und Sportpferden für den Turniersport wird das Schwere Warmblut als Kulturgut erhalten, „das gibt es sonst nirgendwo“, sagt Görbert. „Wenn die kommen, geht jedes Mal ein Raunen durch die Reihen.“ Gemeint sind die drei Männer, die 30 Pferde über den Platz dirigieren, an gut 20 Meter langen Leinen. Und dazu kämen die Kaltblüter, die als „die liebenswerten Dicken“ bezeichnet werden. „Wenn man das alles zusammen sieht, dann ist das ein hippologischer Hochgenuss.“
Aber keine Show, wie Görbert und Schöpke betonen, sondern die Präsentation der Reit- und Fahrausbildung. Die klassische deutsche Reitlehre, seit 2023 immaterielles nationales Kulturerbe, zu pflegen „ist wichtig, weil sie eine pferdeschonende Ausbildung ermöglicht und auf dieser Basis Erfolge wie kürzlich bei den Olympischen Spielen in Paris möglich sind“, sagt Görbert. Ziel sei, Pferde für den Gebrauch auszubilden, dass sie den Anforderungen der Reiter und Fahrer folgen. „Ansonsten wäre es mitunter nicht ungefährlich, sich auf diese schnell dahin galoppierenden Pferde zu setzen oder sie anzuspannen.“
Eine der Reiterinnen auf dem Platz ist Gestütsoberwärterin Susann Grödel mit ihrem braunen Fuchs Zoomaton. Der Hengst, den sie liebevoll Zoomi nennt, ist mit fünf Jahren noch recht jung und am Anfang seiner Ausbildung, „ein kleiner ungestümer Kerl, manchmal ein bisschen ängstlich“. So scheut ihr Schützling kurz, als die Fahrer mit Wagen auf den Platz kommen - und kurz darauf im Stall bei einem lauten Geräusch. Die 39-Jährige ist eine waschechte Sächsin und pendelt täglich eine Fahrstunde aus Dippoldiswalde im Osterzgebirge zu ihren Hengsten, denen sie auch mal Paroli bietet.
Auch die Queen wollte Genmaterial von Moritzburger Star-Hengst
Staatliche Gestüte erhalten auch Rassen oder Linien, die in ihrer Existenz gefährdet sind, wie das schwere Warmblut und das rheinisch-deutsche Kaltblut, sagt Schöpke. Produktivster Moritzburger Hengst ist Millenium, mit weit über 1000 Nachkommen. Einer davon war gerade im Dressur-Finale in Paris dabei - und etwa 100 Abkömmlinge sind gekürt. 2013 bestellte sogar Englands damalige Königin Elisabeth I. (1926-2022) Sperma von ihm. Für eine Trakehner-Stute - „trächtig geworden ist sie aber leider nicht“, erzählt Görbert.
Durch ihr Imponiergehabe beherrschen die Moritzburger Hengste alle Gänge der hohen Schule, „wie sie bei Olympia zu sehen sind“, wenn sie sich einer Stute oder einem Gegner nähern. „Das sind ganz natürliche Bewegungsmuster, die sie auf der Koppel ausführen“, sagt Görbert. „Was die hier zeigen, ist nicht antrainiert“, nur durch Reiter kultiviert und abgerufen. Stuten könnten dasselbe Bewegungsmuster antrainieren, wie Dalera in Paris gezeigt habe. „Die spielen dann sozusagen eine Hosenrolle.“ (dpa)