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Jugendbanden geben keine Ruhe: Soko stockt auf

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Die Raubüberfälle von Jugendlichen auf Gleichaltrige in Dresden reißen nicht ab. Die Sonderkommission hat deshalb die Zahl der Ermittler von zehn auf 17 aufgestockt.

Gegen 127 Tatverdächtige wird inzwischen ermittelt. 15 von ihnen gelten als Rädelsführer, sieben sitzen in Untersuchungshaft. Etwa die Hälfte der Täter sind Deutsche, die andere Hälfte stammt aus dem Ausland. Den Migranten wird jedoch die Mehrzahl der Überfälle zugerechnet. Seit Gründung der Soko haben die Ermittler 169 Strafverfahren bearbeitet. Der jüngste Beschuldigte ist 13.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem es keine Überfälle gibt. So raubte am Sonntag in Blasewitz ein Jugendlicher an der Haltestelle „Schillerplatz“ Geld von einem 13-Jährigen. Der Täter, der aus einer Gruppe von vier Jugendlichen heraus handelte, hielt dem 13-Jährigen ein Taschenmesser vor die Nase und erpresste so die Herausgabe von sechs Euro.

In der Inneren Altstadt sind am Montag Kinder ausgeraubt worden. Ein 12 und ein 13-Jähriger Junge saßen laut Polizei vor einem Restaurant an der Kreuzstraße, als eine Gruppe Jugendlicher auf sie zukam. Zwei aus der Gruppe forderten Geld von den Jungen. Diese übergaben den Tätern 30 Euro, die damit flüchteten. Verletzt wurde niemand. Die Soko „Iuventus“ hat auch in diesem Fall die Ermittlungen aufgenommen.

Soko sieht zunehmendes Gewalt-Problem

Kriminalhauptkommissarin Nadine Schaffrath leitet die Sonderkommision bei der Dresdner Polizei. Sie ist aus ihrer täglichen Arbeit einiges gewohnt. Doch immer mal wieder muss auch sie schlucken, wenn sie das Ausmaß von Gewalt bei jugendlichen Straftätern erfährt. So wie im März, als es bei einer Auseinandersetzung gleich mehrere Opfer gab. „Eines davon erlitt einen zweifachen Schädelbruch. Das sagt alles“, meint die junge Frau. Von „Straßengangs“ will sie noch nicht sprechen. Es gebe aber teilweise führende Köpfe in den einzelnen Gruppen. „An die wollen wir ran.“

In der Regel ermittelt die Soko „Iuventus“ zu Raubüberfällen. Mitunter haben die Täter auch Waffen wie Messer, Taser und Schlagstöcke dabei, nun selten werden diese aber wirklich verwendet. Als Drohung reichen sie allemal. „Vorwiegend sind die Täter in Gruppen aktiv. Nur zwei oder drei handeln, der Rest agiert als Drohkulisse im Hintergrund. Die Opfer werden zufällig ausgewählt. Dann werden sie gefragt, was sie so bei sich haben“, erzählt Schaffrath.

Bargeld, Airpods und andere Technik sowie teure Klamotten sind das bevorzugte Raubgut. „Tendenziell ist die Schwelle zur Gewaltanwendung gesunken. Da wird bewusst provoziert. Wir hatten jetzt viele Fälle, wo es die Täter regelrecht auf eine Auseinandersetzung angelegt haben. Da hatte man das Gefühl, die Beute sei zweitrangig. Die wollten sich prügeln. Da sollte es 'Mische' geben“, sagt Schaffrath.

Täter agieren aus der Gruppe heraus

Auch wenn es keine festen Gruppierungen gebe, seien die Betroffenen per Telefon gut untereinander vernetzt. „Sie sind mobil, häufig mit der Straßenbahn unterwegs und treten nicht nur in ihrem eigenen Viertel auf.“ Man treffe sich an bestimmten Orten, die Raubüberfälle würden sich meist spontan ergeben, sagt Schaffraths Kollege, Kriminaloberkommissar Julian Verdang. Das habe man unter anderem aus der Analyse von Handydaten ermitteln können.

Bislang waren die Opfer ausnahmslos deutsche Jugendliche, die eher nach dem Zufallsprinzip ins Visier der Täter gerieten - je nachdem, ob es sich „bei denen lohnt“, sagt Schaffrath. In der Regel würden Gleichaltrige ausgeraubt. Die Überfälle verteilten sich auf das ganze Dresdner Stadtgebiet, dennoch habe man Schwerpunkte festgestellt, etwa den Alaunpark, den Schillerplatz oder die Innere Altstadt.

Den Ermittlungen zufolge wohnt der Großteil der Täter noch bei den Eltern. Nur wenige stammten aus Kinder- und Jugendeinrichtungen. Laut Schaffrath wirken Elternhäuser der Betroffenen oft nicht gefestigt. „Viele Eltern sind wohl überfordert, wissen gar nicht, was ihre Kinder machen, und sind erschrocken, wenn sie es erfahren. Es gibt aber auch Fälle, wo die Eltern mit der Polizei zusammenarbeiten, um ihre Sprösslinge wieder auf die richtige Bahn zu bekommen.“

Post-Covid-Syndrom in der Jugendkriminalität

Schaffrath ist überzeugt, dass die Corona-Pandemie beim Anstieg der Jugendkriminalität Spuren hinterließ. „Jugenddelinquenz kann man verhindern, wenn junge Menschen an ein Werte- und Normensystem gebunden werden. Das erlernt man in der Familie, in Schule oder in Jugendeinrichtungen. Durch die Pandemie ging diese Bindung verloren. Ihnen fehlen drei Jahre Sozialisation. Das ist im Kinder- und Jugendalter eine sehr lange Zeit.“

Experten wie Schaffrath sehen gerade bei jungen Straftätern Gefahr im Verzug. Bei ihnen müsse aus erzieherischen Gründen die Strafe besonders schnell auf die Tat folgen. Als es noch keine Soko gab, hätten die Verfahren oft Monate gedauert. „Das ist bei Jugendlichen einfach zu lang. Bei manchen ist das eine Phase, die begehen eine Tat und dann ist es wieder gut. Uns geht es um die Hauptakteure, um die Leitwölfe. Die müssen wir von der Straße bekommen.“

Bereitschaftspolizei unterstützt die Ermittler

Eine starke Präsenz der Polizei hat sich dabei als hilfreich erweisen. „Wir wollen so viel wie möglich relevante Gruppen kontrollieren. Die müssen merken, dass sie unter Beobachtung stehen.“ Beim Zugriff auf Verdächtige helfen mitunter die Kollegen von der Bereitschaftspolizei. „Das macht Eindruck. Auch eine Festnahme in einer Schule hatten wir schon. Die jungen Leute sollen Manpower sehen und nicht nur Beamte in Zivil“, sagt Schaffrath.

Schwierigkeiten würden sich bei den Ermittlungen aber häufig durch gesetzliche Vorgaben für jugendliche Tatverdächtige ergeben, sagt die Soko-Chefin. Ihre Vernehmung sei schwierig. Selbst wenn sie Tatbestände eines Verbrechens erfüllten, dürften sie nur im Beisein von Pflichtverteidigern vernommen werden, was zudem ein Staatsanwalt zu prüfen habe. „Deswegen finden nur wenige Beschuldigtenvernehmungen statt. Das behindert unsere Möglichkeit, schnell Einfluss zu nehmen.“

Julian Verdang stellt klar, dass es bei jugendlichen Straftätern in erster Linie um die Erziehung geht und erst danach um die Bestrafung. Eine Unterbringung in der U-Haft sei nur die Ultima Ratio. Ein paar Betroffene bringe man in Jugendhilfeeinrichtungen unter, wo sie intensiv betreut würden. „Es gibt auch Fälle, die Hoffnung machen, wo man das Gefühl hat, derjenige könnte noch die Kurve kriegen.“

Dennoch wünschen sich Schaffrath und Kollegen, dass es perspektivisch auch in Sachsen eine geschlossene Einrichtung der Jugendhilfe gibt, so wie in Bayern oder Baden-Württemberg. Ein Fall für die schweren Fälle sozusagen. Der 13-Jährige aus den Dresdner Ermittlungen gehört dazu. „Ihm ist sehr bewusst, dass er nicht strafmündig ist“, sagt Schaffrath. Er brauche aber eine Einrichtung, aus der er nicht entweichen könne und wo man effizient mit ihm arbeiten könne. Wo er derzeit unterbracht ist, verrät sie aus Schutzgründen nicht. (mit dpa)

Audio:

Die Leiterin der Soko, Nadine Schaffrath