Gruppe Freital: Geständiger Angeklagter fürchtet Racheakte
Der jüngste Angeklagte aus der Gruppe Freital wird offenbar nun selbst bedroht. Der 19-jährige Justin S. - der umfangreich im Terrorprozess ausgepackt und die Vorwürfe der Anklage im wesentlichen bestätigt hatte - steht in der JVA nun unter Beobachtung. Sein Verteidiger verlas zu Beginn des sechsten Prozesstages eine E-Mail der JVA Zwickau an das Gericht. Wie der Anwalt schilderte, werde erzählt, dass der mitangeklagte Rädelsführer Timo S. Geld dafür geboten habe, dass seinem Mandanten die Zähne ausgeschlagen werden. Allerdings handelt es sich dabei um Informationen aus zweiter Hand - Belege dafür gibt es nicht. Die Bediensteten der JVA wurden informiert und sensibilisiert, hieß es. Die Information des Leiters der JVA Zwickau stamme aus der Justizvollzugsanstalt Dresden, in der Timo S. in Untersuchungshaft sitzt. Der ebenfalls dort einsitzende Angeklagte Mike S. habe einem Wachmann von dem Vorhaben berichtet. Belege, dass Timo S. einen entsprechenden Auftrag erteilt hat, gibt es demnach aber nicht. Sein Mandant habe dennoch "tatsächlich Angst, dass ihm körperlich etwas passiert", sagte der Anwalt. Die Eltern des 19-Jährigen "reden schon von einer Morddrohung" und seien ebenfalls völlig verängstigt. Zeugen aus Umfeld geladen - Aussage verweigertAcht Angeklagte müssen sich vor dem Oberlandesgericht Dresden u.a. wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung verantworten, einigen der Angeklagten wird auch versuchter Mord vorgeworfen. Zum sechsten Prozesstag wurden weitere Zeugen geladen, u.a. ein Freitaler NPD-Stadtrat und ein weiterer Mann, der zum Umfeld der Gruppe gehören soll. Beide verweigerten die Aussage. NPD-Mann Dirk A. soll selbst mit Mitgliedern der Gruppe Freital unterwegs gewesen sein, Adressen von Asylunterkünften geliefert haben und das Oktoberfestzelt in Dresden, das zeitweise als Notunterkunft genutzt wurde, für einen möglichen Anschlag mit ausgespäht haben. Das hatte der jüngste Angeklagte Justin S. berichtet. Der Bundesanwalt bestätigte, dass gegen A. als Mitglied einer terroristischen Vereinigung ermittelt wird. Zeuge belastet Timo S.Am Freitagnachmittag wurde ein weiterer Mann aus dem Umfeld der Gruppe Freital gehört. Felix W. war Mitglied in einem internen Chat der Gruppe, allerdings nicht in der zweiten Chatgruppe des harten Kerns ("Schwarzer Chat"). Er bezeichnete sich selbst als Mitläufer. Die Mitglieder gingen davon aus, dass sie mit dem sogenannten verschlüsselten "Kakao Talk" nicht überwacht werden können. Der Zeuge W. belastete den mutmaßlichen Rädelsführer Timo S. schwer. "Herr S. würde über Leichen gehen", sagte der Zeuge. Er hätte noch nie einen Menschen gesehen, der soviel Hass habe, sagte W. Er möchte ihm nicht nochmal auf der Straße begegnen, sagte der Zeuge. Er schätzte Timo S. als Führungsperson ein, der sich durch die Bürgerwehr FTL/360 bekannt machen wollte."Felix muss getötet werden"Der Zeuge war u.a. in dem Auto dabei, das Flüchtlingshelfer von Freital nach Dresden verfolgte. In dem Auto war auch der Sohn von Vize-Ministerpräsident Dulig. Damals wurde das Auto an der HEM-Tankstelle an der Tharandter Straße gestoppt und eine Scheibe mit einem Baseballschläger eingesschlagen. Nach diesem Vorfall habe er sich von der Gruppe abgewandt. W. soll mit dem Angeklagten F. in einem leerstehenden Kita-Gebäude in Freital zum Auskundschaften gewesen sein. Das Gebäude war zeitweise als Asylunterkunft im Gespräch. Er hätte Timo S. auf einer Demo kennengelernt, sei mit ihm ins Gespräch gekommen. Er hätte Timo S., der Busfahrer beim RVD war, ab und zu im Bus begleitet. Den Angeklagten F. hätte er auf einer Demonstration in Zinnwald kennengelernt. Er sei nicht gefragt worden, sich an Straftaten zu beteiligen. Man habe ihn wohl für einen Spitzel gehalten. Weil er schließlich zu dem Baseballschläger-Angriff auf das Auto mit Flüchtlingshelfer bei der Polizei eine Aussage machte, stand er beim harten Kern der Gruppe auf der Abschussliste. Im geheimen Chat der Gruppe hieß es: "Alter, Felix muss getötet werden". Er bereue, sich an asylfeindlichen Demonstrationen beteiligt zu haben. "Dann wäre mir einiges erspart geblieben", sagte W.Prozess dauert längerUnterdessen dürfte der Prozess länger dauern als bislang terminiert. Der Vorsitzende Richter Thomas Fresemann kündigte an, weitere Termine bis Ende des Jahres anzusetzen. Bislang gingen die Planungen bis Ende September. (as/ir mit dpa)Lesen Sie hier unsere Zusammenfassung der vorangegangenen Prozesstage.Prozesstag 1 - Auftakt mit rechtlichen FragenProzesstag 2 - Angeklagter packt ausProzesstag 3 - Angeklagter schildert weitere PläneProzesstag 4 - Polizisten schildern HausdurchsuchungProzesstag 5 - "Sprengmeister" hortete Pyrotechnik
