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Gläserner Mann „unterm Messer“

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Ganz vorsichtig fährt der nur mit weißem Vlies umwickelte Holzstab an der vergilbten Kunststofffläche entlang. Der untere Rücken des Gläsernen Mannes ist auf der Innenseite bereits soweit vom Staub befreit, dass Rippen und Drähte wieder sichtbar sind. Seine Außenhaut aus dem Kunststoff Celluloseacetat wird dennoch nie mehr glasklar, sagt Restauratorin Maria Lörzel im Depot des Deutschen Hygiene-Museums Dresden (DHMD). „Es geht um eine Konservierung, um ihn in einen würdigen Zustand zurück zu bringen.“ So warten Beine und Unterkörper in dem gekühlten Raum wie amputiert links neben dem Tisch, dass Lörzel auch dort Hand anlegt.

Nach jahrelangen Untersuchungen zu dem einst vielfach verwendeten und empfindlichen Material arbeitet die 32-Jährige seit April an dem Mann, der 1935 in der hauseigenen Werkstatt hergestellt wurde und 1937 bei der Pariser Weltausstellung Furore machte. „Er hatte einen eigenen Pavillon und war eine Sensation“, sagt Museumsdirketor Klaus Vogel. Nun ist er sichtbar in die Jahre gekommen und nach vielfacher „Wanderschaft“ zu Ausstellungen im In- und Ausland und später mit Schaustellern deutlich ramponiert.

Der erste „Gläserne Patient“ bekommt, obwohl dringend nötig, aber keine Schönheitskur. Dabei ist seine „Haut“ spröde, gerissen und an Ellenbogen, Taille, Rücken und anderen Stellen gebrochen oder notdürftig mit Tesafilm geklebt. Essigsäure im Kondensat des Kunststoffs greift die Metallteile - das Skelett aus Aluminium und die Drähte - an und löst die Lackschicht der Knochen auf. Neben Brüchen im Skelett ist das Innere auch stark verschmutzt.

Eine wirkliche Restaurierung der historischen anatomischen Objekte, die den Blick ins Innere, auf Skelett, Organe und Blutbahnen von Mensch und Tier bieten, hat das Museum auf Rat internationaler Experten verworfen. „Der Alterungsprozess kann nur verlangsamt werden“, sagte Sammlungsleiterin Susanne Roeßiger. Neben dem 85 Jahre alten Gläsernen Mann sollen auch einer von 1962 sowie eine Gläsernen Kuh von 1983 konserviert werden. Dafür steht laut Direktor Vogel eine Förderung des Bundes in Aussicht.

Im Zuge eines von der VolkswagenStiftung geförderten und seit 2016 laufenden interdisziplinären Forschungsprojekts zum langfristigen Erhalt der laut Vogel „Ausstellungsikonen des 20. Jahrhunderts“ wurden die Alterung des Kunststoffs simuliert und die optimalen klimatischen Bedingungen definiert: eine Temperatur von 15 Grad und 30 Prozent Luftfeuchte. „Je kälter, desto besser, jedes Grad kann Jahre zusätzlich bedeuten.“ Daher brauchen diese Objekte künftig extra klimatisierte Räume im Depot sowie spezielle Vitrinen, wenn sie ausgestellt werden.

Weltweit gibt es noch 38 Gläserne Figuren, darunter auch Pferde. Sie machten erstmals das Innere des Körpers sichtbar, ohne ihn aufzuschneiden. Die Bezeichnung „gläsern“ steht als Synonym für diese Transparenz. Zum Dresdner Bestand gehören weitere sechs der besondern Skulpturen: zwei Männern, zwei Frauen, eine Schwangere sowie eine Gläserne Frau aus dem Deutschen Historischen Museum als Dauerleihgabe. „Ein Rücktransport wäre zu riskant“, sagte Roeßiger. Auch der 1935er Mann ist genug gereist, „er wird das Haus nicht mehr verlassen“.

Der Gläserne Ur-Mann, der dank des durchsichtigen Kunststoffs Cellon erstmals den Blick auf alle wesentliche Bestandteile und ihre Funktion freigab, war vor genau 90 Jahren eine Sensation, sagte DHMD-Direktor Vogel. Den Prototyp des Gläsernen Menschen entwickelte Modellbauer Franz Tschackert ab 1925 am DHMD. Bis dahin gab es nur sogenannte Spalteholz-Präparate von Organen, die transparent waren und von hinten beleuchtet werden konnten.

Zwischen 1925 und 2000 wurden in Dresden rund 130 solcher Figuren hergestellt, zuletzt aus Acrylglas und auch für Universitäten und Museen zu Lehrzwecken. Laut Roeßiger haben die Leihanfragen in den vergangenen zehn Jahren zugenommen. „Mit dem Aufkommen neuer Medien zur Betrachtung des Körperinneren hat sich ihre Bedeutung geändert und aus dem anatomischen Erklärmodell ist ein kulturhistorisches Objekt geworden.“

Die Gläsernen Menschen aus Dresdner Produktion haben die zum Himmel gereckten Arme in Gebetshaltung als Markenzeichen. Der 2009 im Konvolut eines anatomischen Wachskabinetts aus dem Besitz finnischer Artisten angekaufte 1,76 Meter große Mann entstand auch im Dienste der NS-Rassenideologie, sagte Vogel. 1950 nahm ihn ein Hamburger Schausteller in sein „Anatomisches Museum“ auf, danach tourte er im Besitz verschiedener Kollegen auf Jahrmärkten und Schützenfesten.

Nun liegen Lunge, Herz und andere Organe in zwei Pappkisten neben dem Oberkörper. Lörzel hat sie zugunsten von mehr Bewegungsfreiheit innerhalb der ramponierten Außenhaut herausgenommen. Am oberen Rücken ist der Einblick noch deutlich getrübt. „Ich bin ja erst am Anfang.“ Auch den „Lendenschurz“ ihres Patienten wird sie nur säubern. Wann der Gläserne Mann sein „bestes Stück“ verloren hat und schließlich nach mehrfachem Ersatz das schwarze Leder zwischen die Beine geklebt wurde, ist laut Lörzel unbekannt. Fest steht aber: „Er bekommt die Genitalien nicht zurück.“