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Faktencheck zu Demokratie-Debatte im Stadtrat

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Der Dresdner Stadtrat hat am Donners­tag­abend (07.09.) sein Lokales Handlungs­pro­gramm für Demokratie (LHP) verab­schiedet (alle Dokumente dazu hier). Dem voraus ging eine hitzige Debatte, bei der einige Behauptungen in den Raum gestellt wurden. Wir machen den Fakten-Check und überprüfen drei dieser Aussagen. Fakten-Check 1 - Georg Böhme-Korn (CDU) - Ermäch­ti­gungs­ge­setz CDU-Stadtrat Georg Böhme-Korn, Vorstands­mit­glied und Finanz­po­li­ti­scher Sprecher der Fraktion, sagte im Stadtrat wörtlich: „Demokratie klingt schön, Demokratie ist eine Technik zu gesell­schaft­lich relevanten Entschei­dungen. Demokratie ist hohl und sogar gefähr­lich, wenn sie nicht mit Werten hinter­legt wird. 1933, das Ermäch­ti­gungs­ge­setzt, wurde ganz demokra­tisch beschlossen.“ Und er führte weiter aus: „Die türki­sche Verfas­sung wurde ganz demokra­tisch geändert.“ Nach Protesten im Rat, ergänzte Böhme-Korn: „Das ist die reine Wahrheit. Vielleicht wird bald in der Türkei auch die Todes­strafe ganz demokra­tisch einge­führt.“ Stimmen diese Aussage? Das Deutsche histo­ri­sche Museum schreibt auf seiner Website: „Mit 444 Stimmen der Regierungskoalition aus NSDAP und DNVP sowie von Zentrum, Bayerischer Volkspartei (BVP) und Deutscher Staatspartei wurde das Gesetz in namentlicher Abstimmung angenommen. Lediglich die 94 Abgeordneten der SPD ließen sich nicht von den Drohgebärden der im Reichstag aufmarschierten Sturmabteilung (SA) einschüchtern und stimmten gegen die Selbstentmachtung des Parlaments. An der Abstimmung nicht teilnehmen konnten die 81 Abgeordneten der KPD. Ihre Mandate waren auf Basis der Reichstagsbrandverordnung bereits am 8. März 1933 annulliert worden.“ Und die Bundeszentrale für politische Bildung ergänzt auf ihrer Website: „Die Krolloper, in der aufgrund des Reichstagsbrands die Sitzung des Parlaments stattfand, wurde von SA- und SS-Mitgliedern bewacht, um die Abgeordneten einzuschüchtern. […] 26 Abgeordnete der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) waren bereits verhaftet oder geflohen und konnten nicht an der Abstimmung teilnehmen. Die 81 Abgeordneten der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) konnten ebenfalls nicht mit abstimmen, da ihre Mandate kurz nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar annulliert worden waren.“ Mit dem Ermäch­ti­gungs­ge­setz erlangte die NS-Regie­rung das Recht, ohne Zustim­mung von Reichstag und Reichsrat sowie ohne Gegen­zeich­nung durch den Reichs­prä­si­denten Gesetze zu erlassen. Das Parla­ment als demokra­ti­sche Insti­tu­tion schaffte sich damit selbst ab und zemen­tierte die endgül­tige Zerstö­rung der ersten plura­lis­ti­schen deutschen Demokratie. Stimmt diese Aussage? Teilweise – das Gesetzt wurde scheinbar demokra­tisch beschlossen, führte aller­dings die Demokratie ad absurdum. Fakten-Check 2 – Harald Gilke (AfD) Heidenau Der AfD-Stadtrat Harald Gilke behaup­tete im Zuge der Demokratie-Debatte im Dresdner Stadtrat: „In Heidenau ist schlimmes passiert. Nur hat der Bürger­meister von Heidenau festge­stellt, die erste Nacht waren es die Rechten, die zweite und dritte Nacht waren es die Linken. Der Polizei­be­richt stützt das, die Medien­be­richte stützen das nicht.“ Stimmt diese Aussage? Dazu ein längerer Auszug aus dem Dresdner Polizei­be­richt vom 24.08.2015: […]Drei Einsätze mit unter­schied­li­chen Ausgangs­si­tua­tionenIn den vergan­genen drei Nächten kam es in Heidenau zu Ausein­an­der­set­zungen, Straf­taten und Verletzten. Die Ausgangs­si­tua­tionen unter­schieden sich jedoch deutlich.Am Freitag fand zunächst eine Versamm­lung der NPD mit ca. 1.000 Teilneh­mern statt. Nach deren Ende versam­melten sich ca. 600 Personen vor der Flücht­lings­un­ter­kunft, darunter zahlreiche Heide­nauer und Schau­lus­tige. Viele Personen waren alkoho­li­siert, die Stimmung wurde zuneh­mend aggressiv. Mit den ersten Stein- und Flaschen­würfen eskalierte die Situa­tion. Die Gewalt richtete sich ausschlie­ß­lich gegen die Einsatz­kräfte. Der Einsatz Freitag­nacht stand ganz im Zeichen der Lageber­ei­ni­gung. Es gab keine Festnahmen oder Perso­na­li­en­fest­stel­lungen (siehe auch Medien­in­for­ma­tion der PD Dresden vom 22.08.2015 lfd. Nr. 329/15).Am Samstag gab es eine spontane Anmel­dung der Asylbe­für­worter. Ca. 250 Personen nahmen daran teil. Eine Anmel­dung von Personen des rechten Spektrums gab es indes nicht. In der Folge fanden sich nach und nach im Bereich eines gegen­über­lie­genden Parkplatzes Personen des rechten Spektrums ein. Am Ende waren es ebenfalls um die 250 Personen. Im Gegen­satz zum Vortag erfolgte der Angriff auf die Einsatz­kräfte jedoch plötz­lich und massiv von der rechten Szene organi­siert. Schau­lus­tige und Heide­nauer spielten dabei keine tragende Rolle. Einsatz­kräfte sprachen 65 Platz­ver­weise aus und stellten die Identi­täten von 23 Personen fest (siehe auch Medien­in­for­ma­tion der PD Dresden vom 23.08.2015 lfd. Nr. 331/15).Gestern (am Sonntag) ging die Gewalt von Personen des linken Spektrums aus (siehe oben). Personen der rechten Szene spielten in der vergan­genen Nacht keine Rolle, nicht zuletzt da sich durch die Einsatz­kräfte bereits frühzeitig angespro­chen und abgewiesen wurden. Auf Grund­lage des einge­rich­teten Kontroll­be­rei­ches sprachen Einsatz­kräfte gestern über 150 Platz­ver­weise aus. Betroffen waren in erster Linie Personen des rechten Spektrums aber auch Schau­lus­tige, die nicht in den unmit­tel­baren Bereich der Flücht­lings­un­ter­kunft vorge­lassen wurden. Zudem stellten die Beamten um die 140 Identi­täten fest.Die Aussage Gilkes, dass der Polizei­be­richt die Aussage des Heide­nauers Bürger­meister stützt, ist also falsch. Aus dem Polizei­be­richt der Dresdner Polizei geht hervor, dass am ersten und zweiten Abend Gewalt von „rechts“ und am dritten Abend von „links“ ausging. Und wie steht es um die Aussagen des Heide­nauers Bürger­meis­ters? Ausgangs­punkt für die Behaup­tung Gilkes ist ein N24-Interview. Verkürzte Zitate aus diesem Interview, die man missverstehen kann, wurden dann auf diversten Portalen zu der These verarbeitet, dass die Gewalt an zwei Nächten von „links“ ausgegangen sei. Das hatte Oppitz allerdings so nicht gesagt, er sagte wörtlich: „Ich werde als Bürger­meister dies [Gewalt] nicht verhin­dern können. Insbe­son­dere deshalb nicht, weil in der Krawall­nacht zwei und drei das überwie­gend auswär­tige Krawall­tou­risten gewesen sind, die aus der ganzen Umgebung gekommen sind. Es ist daran deutlich geworden, dass sich die Nacht zwei und drei weder gegen Asylbe­werber oder die Einrich­tung gerichtet haben, sondern ausschlie­ß­lich gegen die Polizei. Und gerade in der vergan­genen Nacht [3] war es so, dass sich die Autonomen nur mit der Polizei befasst haben und versucht haben noch ein paar Rechte aufzu­treiben, mit denen sie sich gewalt­tätig ausein­an­der­setzen können. Es ging in Nacht zwei und drei kaum noch um dieses Heim. Nur in der Nacht eins hat die örtliche NPD mit ihrem Aufruf zur Demons­tra­tion […] den Grund­stein gelegt, dass diese Gewalt­ex­zesse am Freitag­abend ausbre­chen konnten.“ Oppitz weist in dem Inter­view also darauf hin, dass es sich in Nacht 2 und 3 um Externe gehan­delt habe, die für Gewalt verant­wort­lich gewesen sein sollen – von Autonomen ist auch bei Oppitz nur bei Nacht 3 die Rede. Das Vice-Magazin hatte bereits 2015 versucht, den Werdegang dieses Zitates aufzuzeigen. Gilke irrt also auch in diesem Punkt. Fakten­check 3: Jörg Urban (AfD) Gewalt­taten von Links und Rechts Im Zuge der Debatte sagte Jörg Urban von der AfD: „Wenn es um Gewalt­taten geht, sind die Links­ex­tre­misten weit vorn, mit steigender Tendenz.“ Dazu hieß es in der Polizeilichen Kriminalstatistik 2016: Die Zahl der politisch motivierten Straf­taten ist im Jahr 2016 erneut leicht angestiegen und hat einen neuen Höchst­stand erreicht. Insge­samt wurden 41.549 Straf­taten (+6,6 Prozent) und 4.311 Gewalt­taten (-2,1 Prozent) regis­triert. Während sich die Zahl der Straf­taten in den Phäno­men­be­rei­chen PMK-links und PMK-rechts insge­samt ungefähr auf dem Vorjah­res­ni­veau bewegt hat (PMK-rechts: 23.555; PMK-links: 9.389), wies die Entwick­lung der Gewalt­taten deutliche Unter­schiede auf: Rechts­mo­ti­vierte Gewalt­taten sind um 14,3 Prozent (auf 1.698) angestiegen. Im Bereich der PMK-links ging die Zahl der Gewalt­taten um 24,2 Prozent auf 1.702 zurück.Die Aussage Jörg Urbans ist falsch. Linke Gewalt­taten liegen mit 1702 gleichauf mit rechten Gewalt­taten (1698). Von einer steigenden Tendenz kann keine Rede sein, die Zahlen des Bundes­in­nen­mi­nis­te­riums sagen das Gegen­teil aus. Dort wird ein Rückgang von 24,2 Prozent verzeichnet.