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Dresdner Parkeisenbahn reagiert auf Missbrauchsfälle

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Autor: as/aw

Die Dresdner Parkei­sen­bahn hat zu den Missbrauchs­fällen am Mittwoch­mittag ein vorläu­figes Kinder­schutz­kon­zept und ein Gutachten zu den Missbrauchs­fällen und anderen Grenz­über­schrei­tungen in den vergan­genen Jahren vorge­stellt. 173 Frage­bögen wurden an Parkei­sen­bahner verschickt, 82 kamen ausge­füllt zurück. Am gravie­rensten war der Fall des heute 17-jährigen Henry L.*, der über Jahre missbraucht wurde.

Das ist passiert

Wie in einem Gutachten festge­halten wurde, waren insge­samt vier Erwach­sene mit Grenz­über­schrei­tungen aufge­fallen.

- 2010 werden erste Hinweis zu Grenz­über­griffen durch Thilo H. bekannt. Es gibt ein Gespräch, mehr passiert nicht.

- 2012 soll ein Mitar­beiter mit einer 15-Jährigen einver­nehm­li­chen Sex gehabt haben. Der Vorfall hätte zur Anzeige gebracht werden müssen, so das Fazit des Gutach­ters.

- 2013/2014 Übergriffe durch zwei Parkei­sen­bahner werden bekannt, die laut Gutachten nicht straf­recht­lich relevant waren. Die Männer wurden nicht weiter beschäf­tigt. Die Parkei­sen­bahn nimmt Kontakt zum Verein Shukura auf.

- Frühjahr 2016 Der jahre­lange Missbrauch durch den Mitar­beiter Thilo H. wird bekannt. Das Opfer, der heute 17-Jährige Henry L. infor­miert seinen Vater. Der Täter nimmt sich wenig später das Leben.

- November 2016 Ein 21-jähriger Parkei­sen­bahner beläs­tigte jüngere Parkei­sen­bahner mit Fragen zu ihrer Sexua­lität. Er forderte Nackt­bilder per Handy. Der Mann wird rausge­worfen und erstattet Selbst­an­zeige, teilte der Gutachter mit.

- März/April 2017 Ein Mädchen beschwert sich, dass in die Umklei­de­räume der Mädchen gespannt werden kann. Durch das neue Beschwerde-Konzept der Parkei­sen­bahn kann dieser Zustand inner­halb weniger Tage abgestellt werden, die Fenster sind nun blick­dicht.

Fazit: spätes­tens 2014 hätte bei der Parkei­sen­bahn reagiert werden müssen, damals ermit­telten auch Polizei und Staats­an­walt­schaft. Das Missbrauchsopfer Henry L. wurde damals nicht befragt. Eltern wurden nicht infor­miert. Die Parkei­sen­bahn nahm Kontakt zum Verein Shukura auf. Mitar­beiter mussten Selbst­ver­pflich­tungen unter­schreiben, Schulungen wurden durch­ge­führt. Ein Kinder­schutz­kon­zept wurde zwar bespro­chen, aller­dings wurde dieses nicht in Auftrag gegeben. "Eine Fehlein­schät­zung", sagte Schlös­ser­land-Chef Chris­tian Striefler.

Das passiert jetzt

- Ein vorläu­figes Kinder­schutz­kon­zept des Vereins Shukura liegt vor

- Unter anderem müssen Mitar­beiter der Parkei­sen­bahn künftig ein erwei­tertes, polizei­li­ches Führungs­zeugnis vorlegen

- Absolutes Alkohol­verbot

- Ein Pädagoge wird bei der Parkei­sen­bahn fest einge­stellt, die Ausschrei­bung wird jetzt vorbe­reitet

- Für Kinder und Eltern gibt es nun eine Beschwerde-System. Damit konnte jetzt auch schon der erste Fall bearbeitet werden, die nicht blick­dichte Mädchen­um­kleide-Räume.

- Alle Mitar­beiter werden geschult, der Verein Shukura führte bereits drei Schulungs­runden durch, weitere folgen

- Das Konzept wird bis Ende 2018 weiter ausge­ar­beitet, um das Thema Kinder­schutz fest bei der Parkei­sen­bahn zu veran­kern

Grund­lage sei "nicht nur der straf­recht­lich zu gewähr­leis­tende Schutz, sondern die Präven­tion jedes grenz­ver­let­zenden Verhal­tens gegen­übern Kindern und Jugend­li­chen" Dazu gehören:

- anzüg­liche Bemer­kungen

- das Suchen nach körper­li­cher Nähe (Umarmen, Hand auflegen, Krabbeln)

- heimliche Treffen

- Bevor­zu­gung von Kindern bei der Einrich­tung von Diensten

Mit dem Kinder­schutz­kon­zept und Maßnahmen will die Parkei­sen­bahn ab der neuen Saison, die am 9. April beginnt, nun Jungen und Mädchen besser schützen. Rund 230 Kinder und Jugend­liche ab dem 10. Lebens­jahr verbringen vor allem in den Sommer­mo­naten ihre Freizeit als Parkei­sen­bahner im Großen Garten in Dresden. Im Herbst 2016 starteten 42 Kinder ihre Ausbil­dung zum Parkei­sen­bahner, ein Kind wurde nach bekannt­werden der Missbrauchs­fälle wieder abgemeldet.

Der Fall Henry L.

Der heute 17-jährige Henry L.* war jahre­lang von einem ehren­amt­li­chen Parkei­sen­bahner missbraucht worden. Mit ca. zehn Jahren, im Jahr 2009, begann er bei der Parkei­sen­bahn, spätes­tens 2013 gab es die ersten Übergriffe. "Es fing damit an, dass ich in eine Art beson­deren Status erhoben wurde, beson­dere Rechte bekommen habe, Geschenke, beson­dere Ausflüge und damit im Grunde genommen zugehörig gemacht wurde. Und dann fing es halt an mit Handhalten. Dann gab es Umarmungen, Küsse, Kussver­suche, dann mit immer weniger Kleidung, bis es dann zu den deutli­chen größeren Übergriffen kam."

Henry ist nun mit einem eindrück­li­chen State­ment an die Öffent­lich­keit gegangen, er fordert Erwach­sene auf, nicht wegzu­sehen und ihre Kinder zu schützen.

"Mein größtes Ziel ist es die Kinder zu errei­chen und denen mitzu­teilen, wie unglaub­lich wichtig es ist mit andere Menschen wie Eltern und Thera­peuten zu sprechen und sich helfen zu lassen. Nur so kann man das Schlimme, was einem passiert ist, positiv verar­beiten. Es dauert lange, aber das ist das einzig Sinnvolle, das man machen kann."

Mehr dazu finden Sie über folgende Links:

https://initiative-dpe.de

und

https://www.facebook.com/ImagineHenry/

*Der Name des Jungen wurde zu seinem Schutz geändert.

Audio:

Missbrauchsopfer Henry hören.