Dresdner OB will Bonus- und Bestrafungssystem für Flüchtlinge
Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert will Flüchtlinge für bestimmtes Verhalten belohnen, aber auch bestrafen. "Mir wird immer wieder signalisiert, dass es unter den Flüchtlingen einige gibt, die sehr fleißig sind, und andere, die es eben nicht sind", sagte er der Sächsischen Zeitung. Hilbert regte an, ein "Bonus-Malus-System" einzuführen - eine Art Regelung, die mit positiven und negativen Anreizen ein gewünschtes Verhalten erreichen will. Die Aussagen des Oberbürgermeisters sorgten für zahlreiche Reaktionen.Stadtsprecherin relativiertEine Sprecherin der Stadtverwaltung stellte deshalb am späten Nachmittag gegenüber unserem Sender klar: Oberbürgermeister Hilbert habe sich in dem Interview in diesem Zusammenhang auf Probleme in Lernklassen für Flüchtlinge bezogen. Es gehe darum, dass diejenigen, die dort lernen wollen, das in Ruhe tun können. Störer dagegen würden fleißige Flüchtlinge ausbremsen. Allerdings waren Hilberts Aussagen durchaus auch anders zu verstehen, Lernklassen spielten darin zumindest explizit keine Rolle, zudem hatte er im selben Atemzug auch erwähnt, dass Flüchtlinge keine Wohnung bekamen, wenn sie sich daneben benommen hatten. "Wer sich nicht ordnungsgemäß verhält, kam in die großen Gemeinschaftsunterkünfte und nicht in eine eigene Wohnung. Ich halte das für richtig", sagte Hilbert in dem Interview. Hilbert selbst ist derzeit im Urlaub. Seine Sprecherin stellte deshalb klar, dass es im Kern der Aussagen um Lernklassen ging. Alles weitere werde Hilbert dann nach seinem Urlaub mit den Fachbürgermeistern und Fraktionen diskutieren - auch das Bonus- und Malus-System.FDP Dresden begrüßt VorschlagHilberts FDP-Parteikollege und FDP-Fraktionschef in Dresden, Holger Zastrow, begrüßte den Vorschlag: "Negatives oder sogar kriminelles Verhalten muss sanktioniert werden", teilte Zastrow auf Anfrage unseres Senders mit. "Für uns gehört eine schnellstmögliche Abschiebung von kriminellen Asylbewerbern auch zu möglichen Strafen. Nur ein solches System kann die Akzeptanz für Flüchtlinge in unserer Gesellschaft überhaupt gewährleisten."Zastrow führt weiter aus: "Eine Bonus-Malus-Regelung wie vom Oberbürgermeister skizziert, ist für uns eine Selbstverständlichkeit. Sämtliche Leistungen sollten an die Bereitschaft zur Integration gekoppelt sein. Ohne ein solches System besteht aus unserer Sicht sogar die Gefahr, dass die gesellschaftliche Bereitschaft, Flüchtlingen in Not zu helfen, leidet und die vielen tatsächlich Schutzbedürftigen und zur Integration bereiten Asylbewerber die Leidtragenden sind."CDU-Fraktion: Mehr Fragen als AntwortenCDU-Fraktionschef Jan Donhauser teilte auf unsere Anfrage mit: "Zu dem Vorschlag des Oberbürgermeisters gibt es für mich mehr Fragen als Antworten. Deshalb wäre meine Anregung, dass der OB den Fraktionen seine Überlegungen erläutert. Eines steht aber fest: Jeder hat sich auf Grundlage unserer Gesetze zu verhalten. Wird sich nicht daran gehalten, muss dies rechtsstaatlich sanktioniert werden."Linke: "Eine solche Regelung existiert nicht"Die LINKE-Stadträtin Pia Barkow erklärte:"Eine solche Regelung, also dass Flüchtlinge, die nicht fleißig seien, wie es Dirk Hilbert ausdrückte, als Strafe in großen Sammelunterkünften untergebracht werden statt in Wohnungen, existiert nicht. Wir sprechen bei den Anschlägen von als gefährlich eingestuften Personen, denen ist nicht beizukommen, indem man sie in Sammelunterkünften unterbringt: Kriminalität ist ein Fall für die Polizei. Dies ist ein gefährlicher Vorschlag von Dirk Hilbert, bar jeder Fach- und Sachkenntnis, der nichts mit der Asyl-Vorzeigestadt Dresden zu tun hat!" Barkow ergänzt zudem: "Ich halte ein Belohnungs- und Bestrafungssystem für völlig ungeeignet. Menschen, die nach Dresden kommen, müssen in erster Linie eine Chance und die Perspektive bekommen, sich in die Gesellschaft einzufinden. Absurde Bestrafungen sind nicht motivierend und nützen dabei wenig."SPD-Chef Avenarius: gar nicht so verkehrtDer Dresdner SPD-Fraktionschef Christian Avenarius teilte auf unsere Anfrage mit: "Der Vorschlag des Oberbürgermeisters ist gar nicht so verkehrt. Eine vernünftige Integrationspolitik muss gleichzeitig fördern und fordern, natürlich im Rahmen des rechtlich Zulässigen. Es kann durchaus sinnvoll sein, Flüchtlinge, die bereits intensiv an ersten Integrationsmaßnahmen mitgewirkt haben, bei der Zuweisung von Wohnungen vorrangig zu behandeln, da dies die Chancen für ein gedeihliches Zusammenleben mit dem sozialen Umfeld erhöht.Ebenso kann es sinnvoll sein, noch nicht anerkannte Flüchtlinge von einer Gemeinschaftsunterkunft in eine andere zu verlegen, wenn sie übermäßige Anpassungschwierigkeiten zeigen, d.h., sich insbesondere nicht an die Ordnung der Unterkunft halten.Man sollte sich nur stets vor Augen halten, dass die für die Integration zuständigen Behörden der Landeshauptstadt nicht mit einer Befugnis zu bestrafen ausgestattet sind, sondern allein die Aufgabe haben, die Flüchtlinge zunächst unterzubringen und anschließend vernünftige Rahmenbedingungen für deren Integration zu schaffen."Sozialbürgermeisterin widerspricht OBDer Geschäftsbereich der zuständigen Dresdner Sozialbürgermeisterin Kristina Kaufmann hat in Teilen den Aussagen des Oberbürgermeisters widersprochen, so sei "die Unterbringung kein Sanktionsinstrument." Weiter heißt es in der schriftlichen Mitteilung: "Es geht eher darum, die Geflüchteten menschenwürdig und bedarfsgerecht mit angemessenem Wohnraum zu versorgen. Bis vor Kurzem war die Unterbringungssituation sehr angespannt. Das hat zusätzliche Konflikte zwischen den Bewohnern genährt."Und weiter schreibt der Geschäftsbereich für Soziales: "Die drei Turnhallen (Schleiermacherstr., Ginsterstr., Thäterstr.) wurden folgerichtig im April geräumt. Durch Stadtratsbeschlüsse sind wir angehalten, Gemeinschaftsunterkünfte sozialraumverträglich und mit nicht mehr als 65 Plätzen zu konzipieren. Dieser Philosophie folgt auch das Belegungsmanagement des Sozialamts. So werden bspw. insbesondere Familien dezentral in Wohnungen untergebracht und (zumindest temporär) alleinlebende Personen zunächst in Gemeinschaftsunterkünften."Sanktionen bereits geregelt"Das Asylbewerberleistungsgesetz beinhaltet bereits für bestimmte FälleLeistungseinschränkungen (§ 1a) bzw. Sanktionen (§ 5 Abs. 4 S. 2). DasIntegrationsgesetz des Bundes wird einige weitere Sanktionsmöglichkeitennach dem Prinzip des "Förderns und Forderns" schaffen. Das Gesetz wird inKürze im Bundesanzeiger veröffentlicht", teilte die Stadt mit.Bonus-Malus-System soll nach Urlaub abgestimmt werdenUnd weiter teilt die Pressestelle der Stadtverwaltung mit: "Das Bonus-Malus-System Asyl stimmt der Oberbürgermeister, der sich zwei Wochen im Urlaub befindet, mit den zuständigen Ämtern bzw. dem zuständigen Geschäftsbereich ab - dann können wir darüber informieren."(Redaktioneller Hinweis: Dieser Artikel wird über neue Informationen fortlaufend ergänzt. Zudem wurden am späten Nachmittag die Angaben einer Stadtsprecherin ergänzt, demnach sei es im Kern um Probleme in Lernklassen gegangen.)