Die 10 Pannen bei den Terror-Ermittlungen in Sachsen
Bundesweit schütteln Experten und Politiker den Kopf über die Arbeit von Polizei und Justiz im Fall der Terrorverdächtigen aus Chemnitz. Der mutmaßliche Selbstmordattentäter Al-Bakr hat im Gefängnis Selbstmord begangen – weil keine "akute Gefährdung" gesehen wurden. Die Pannen fingen allerdings bereits viel früher an. Panne 1: Reisen Al-BakrsUngeklärt sind die Umstände von zwei Reisen Al-Bakrs 2015 zwischen Deutschland, der Türkei und Syrien: Womit und wie ist er gereist? Mit welchen Papieren ist er aus- und eingereist?Panne 2: Überwachung aufgeflogenDer Verfassungsschutz begann Ende vergangener Woche mit der Überwachung der Wohnung in Chemnitz – selbst Nachbarn ist einem Bild-Bericht zufolge ein Auto vor dem Haus auf der Wiese, sowie die Kamera der Ermittler aufgefallen. Trotzdem fand man nicht heraus, in welcher Wohnung Al-Bakr wohnte. Das SEK brach am Ende über 40 Türen auf, auf der Suche nach Al-Bakr – da war der längst getürmt.Panne 3: Festnahme scheitert Das SEK bereitet gerade den Zugriff vor, als vermutlich der Terrorverdächtige am Samstagmorgen aus dem Gebäude spaziert. Trotz Warnschuss kann er flüchten. Die Beamten hätten 35 kg schwere Schutzwesten getragen, hieß es. Ein äußerer Überwachungsring fehlte wohl.Panne 4: Ungestörte Flucht Obwohl Flughäfen und Bahnhöfe überwacht werden, gelangte Al-Bakr nach Leipzig zum Hauptbahnhof, er fällt dort niemandem auf.Panne 5: FahndungsaufrufDer Fahndungsaufruf der Polizei wird erst nach 36 Stunden ins Arabische übersetzt. Vorher hatten bereits Syrer selbst den Aufruf übersetzt und bei Facebook geteilt. Auch die drei Syrer aus Leipzig, die Al-Bakr festsetzen, sahen einen dieser Aufrufe.Panne 6: SprachbarrierenDie drei Syrer in Leipzig sehen den Fahndungsaufruf bei Facebook: sie fesseln den Terrorverdächtigen. Ein Anruf bei Polizei scheitert offenbar an Sprachbarrieren, sie bringen deshalb ein Handy-Foto auf eine Wache. Dann wird Al-Bakr festgenommen, bereits fertig verschnürt.Panne 7: Kein Dolmetscher in JVA Als Al-Bakr am späten Montagnachmittag aus Dresden in die Leipziger JVA gebracht wird, ist kein Dolmetscher da. Ein Gespräch, gar mit der Anstaltspsychologin, ist zunächst nicht möglich.Panne 8: GefährdungDie Haftrichterin hat sogar schriftlich festgehalten, dass eine Selbstmordgefahr besteht. So hatte Al-Bakr einen Hungerstreik angekündigt. Die Psychologin ordnete zunächst Kontrollen alle 15 Minuten an, lockerte diese Regelung später. Als Psychologin, Sozialarbeiter und Wärter zusammensitzen, wird keine akute Selbstmordgefährdung festgestellt. Eine dauerhafte Präsenz eines Beamten vor der Tür oder die Unterbringung in einer speziellen Zelle ohne gefährliche Gegenstände wird nicht veranlasst. Dass ein mutmaßlicher Selbstmordattentäter, der gefasst wird, im Gefängnis Selbstmord begehen könnte, ist auch ohne psychologische Erfahrung erwartbar.Panne 9: Keine Reaktion auf "Vandalismus"Al-Bakr macht am Dienstag in seiner Zelle die Lampe an der 2,59 m hohen Decke kaputt, auch an einer Steckdose „manipuliert“ er. Die Anstaltsleitung geht von Vandalismus aus, verstärkt nicht die Überwachung Al-Bakrs. Er kommt am Mittwoch nach dem Duschen zunächst in eine andere Zelle, während die Schäden in seiner Zelle repariert werden. Um 16:00 Uhr kehrt er zurück, um 19:30 Uhr sitzt er normal auf seinem Bett. Eine Auszubildende, eine Justizanwärterin, findet Al-Bakr 19:45 Uhr stranguliert an den Gitterstäben. Sie hatte wohl aus „Dienstbeflissenheit“ einen zusätzlichen Blick in die Zelle geworfen. Nach ersten Informationen hat er sich mit seinem T-Shirt erhängt.Panne 10: Bedeutung unterschätztFehleinschätzung im Justizministerium und der JVA-Leitung – Vize-Ministerpräsident Dulig sieht eine „Reihe von Fehleinschätzungen sowohl über die Bedeutung, als auch den Zustand des Gefangenen“. Für kommende Woche wurde eine Sondersitzung der zuständigen Ausschüsse einberufen. Die AfD fordert die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses.(Redaktioneller Hinweis: im letzten Absatz wurde ein Fehler bezüglich des Untersuchungsausschusses korrigiert. Zudem wurde der Absatz zu Eilenburg gestrichen, nach CDU-Angaben wurden entsprechende Vermutungen einer Flucht zunächst nach Eilenburg im Innenausschuss entkräftet.)