Protest mit Trommeln - Alstom will jede zweite Stelle in Görlitz streichen

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Mehr als 300 ‚Görlitzer Alstom-Beschäftigte haben den geplanten Stellenabbau protestiert. Früh- und Normalschicht versammelten sich am Mittag auf dem Werksgelände. Alstom will in Görlitz rund 400 Stellen streichen. Das ist fast jeder zweite Arbeitsplatz.

Beschäftigte trommelten lautstark gegen die Pläne der Franzosen. Die Aktion hatte Symbolkraft. Schon die Görlitzer Siemensturbinenwerker hatten vor mehr als fünf Jahren so gegen Arbeitsplatzabbau und drohende Schließung protestiert. Es sei genug Arbeit da, aber falsch verteilt, so Betriebsratsvorsitzender René Straube. So lasse die Deutsche Bahn ICE-Wagen in Breslau bauen. Steuerfinanzierte Aufträge aus Deutschland müssten im Land bleiben und dürften nicht in Werke ins Ausland gehen. Die Görlitzer fordern von Alstom eine vorwärtsgerichtete Strategie – ohne Stellenabbau.

Oberbürgermeister Octavian zeigte sich solidarisch mit den Waggonbauern. "Wir werden alle uns zur Verfügung stehenden politischen Mittel nutzen, um uns für den Erhalt der Arbeitsplätze einzusetzen."  Zum Management von Alstom sagte der OB: So gehe man nicht mit den Beschäftigten um, die seit Jahrzehnten das Werk am Laufen hielten. "Hier stehen Menschen im Mittelpunkt, die Familien haben."

Alstom will an seinen deutschen Standorten 1.200 Jobs streichen. 150 Stellen sollen in Bautzen abgebaut werden. Zugleich will der Konzern bis zu 700 neue Jobs schaffen, und zwar in den Bereichen Software und Digitalisierung sowie bei Ingenieur- und weiteren Dienstleistungen -  in Braunschweig, Berlin und Mannheim.

Wirtschaftsminister Martin Dulig: Wenn es Möglichkeiten gibt, wie wir als sächsische Landesregierung helfen und unterstützen können, sind wir sofort bereit dazu. Wir stehen an der Seite der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und des Betriebsrates. Gemeinsam fordern wir Alstom auf, zu seinen Zusagen beim Kauf zu stehen, die Zukunft des Werkes und der Arbeitsplätze zu sichern, anstatt den Aktienkurs durch Einsparmaßnahmen zu stabilisieren. Dieses vergiftete Weihnachtsgeschenk ist völlig inakzeptabel.

Knapp ein Jahr nach der Übernahme durch die Franzosen sieht es mau aus in den Auftragsbüchern. Gegenwärtig werden in Görlitz kleinere Straßenbahn-Aufträge abgearbeitet, so etwa für Dresden. "Brot für 30 Kollegen", so Betriebsratsvorsitzender René Straube. Wöchentlich verlässt ein Wagenkasten für den ICE-4 das Werk. Dieser Auftrag, den sich Görlitz mit Breslau teilt, läuft Ende 2023 aus. Aus einem Großauftrag der Deutschen Bahn werden noch 43 Doppelstockfahrzeuge gebaut. Eine letzte Option über 100 Wagen ist offen. Straube geht aber nicht davon aus, dass sie gezogen wird.

Dagegen läuft die Produktion an den Alstom-Standorten in  Breslau, Kattowitz und Böhmisch Leipa auf Touren. Die Kollegen in den beiden Nachbarländern haben gut zu tun. Das gönnt ihnen Straube auch. Doch steuerfinanzierte Aufträge aus Deutschland müssten auch in Deutschland abgearbeitet werden und nicht in Werke ins Ausland gehen. Alstom müsse endlich die Karten auf den Tisch legen. Görlitz brauche eine Perspektive. Aus der Konzernzentrale hat Straube schon lange nichts gehört.

Unmittelbar nach der Übernahme der Bombardier-Zugsparte vor knapp einem Jahr hatte Alstom-Chef Henri Poupart-Lefarge erklärt: „Wir werden alle Werke in Deutschland brauchen“.  

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Reporter Knut-Michael Kunoth