Semperopernball auch künftig ohne Orden?

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Auch beim 15. Dresdner Semperopernball wurde durchgefeiert bis zum Morgen. Die letzten Gäste gingen um 5.00 Uhr, als in der Fledermaus-Bar das Licht angeschaltet wurde, wie ein Ballsprecher am Samstag sagte. Man sei zufrieden mit der Ausgabe 2020, die im Vorfeld vom Eklat um den Ballorden für Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi überschattet war.  Ballchef Hans-Joachim Frey selbst sprach am Sonntag von «einer neuen Leichtigkeit». Das Mehr an Kultur, Musik und Tanz und der Verzicht auf Eingefahrenes «können ein Fingerzeig auf die Opernbälle der Zukunft» sein.

Er konstatierte am Sonntag eine «enorme Resonanz und «überall spürbare Begeisterung». Das sei «ein starkes Bekenntnis» zum Semperopernball und zeige, «dass dieser Ball zu Dresden gehört und weiter gehören muss». Oper, Stadt und Kulturministerin sehen jedoch Gesprächsbedarf zur Zukunft des Balls. Nach Ansicht von Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) braucht es die Orden nicht.

In dem zum Ballsaal umgebauten Opernhaus amüsierten sich den Angaben nach 2500 Gäste und auch beim SemperOpenairball auf dem Theaterplatz «war super Stimmung». Das zeige, was der Ball den Dresdnern bedeute. Allerdings waren diesmal weniger Menschen als in den Vorjahren zu dem eintrittsfreien Spektakel mit Feuerwerk gekommen, Luftaufnahmen zeigten deutliche Lücken. Nach Polizeiangaben waren es rund 5000.

«Aber jetzt lasst uns schwelgen, schwofen, mitsingen und -schwingen», sagte Schlagersänger Roland Kaiser am Freitagabend und wehte damit die Last der vergangenen Tage gleich in den ersten Minuten der 15. Ballausgabe weg. Mit einem Satz machte er klar, wo Dresden steht: «Unser Herz schlägt gemeinsam für Demokratie, Meinungsfreiheit und Toleranz.» Und er zeigte sich entsetzt über das Ausmaß an Hass und Gewalt gegenüber Mareile Höppner, die für die Co-Moderation abgesagt hatte. «Lassen Sie uns diesen Abend feiern, trotz allem», rief Kaiser unter Applaus in den Saal.

Mit einem Satz machte Ballmoderator Kaiser allerdings klar, wo Dresden steht: «Unser Herz schlägt gemeinsam für Demokratie, Meinungsfreiheit und Toleranz.» Und er zeigte sich entsetzt über «ein solches Ausmaß an Hass und Gewalt» gegenüber Mareile Höppner, sodass der Platz neben ihm auf der Bühne verwaist war. Sie hatte ihre Zusage als Co-Moderatorin zurückgezogen. «Lassen Sie uns diesen Abend feiern, trotz allem», rief er in den Saal - und die Gäste applaudierten.

Spätestens beim «Kaiserwalzer» dann aber schunkelte, sang, tanzte das Publikum drinnen und auch draußen vor der Oper gemeinsam mit Kaiser und seiner vor Jahren für die Stadt komponierten Hymne: «Dresden dreht sich im Walzerschritt». Und jubilierte, ganz nach dem 2020er Motto. Die Roben der Damen glitzerten, waren schulter- und oft auch rückenfrei, viele Herren trugen Samt.

Nach zwei Stunden Gala mit großen Stimmen aus Osteuropa, talentierten Instrumentalisten und dem MDR-Sinfonieorchester mit Dirigent Kristjan Järvi, das die 160 Debütanten bei ihrer Ballpremiere begleitete, hieß es dann früher als sonst: «Alles Walzer!» und Dreivierteltakt.

Promis beim Semperopernball

«Impressario» Frey drängte es erstmals nicht ins Rampenlicht. Viele Absagen wegen der Ehrung von Al-Sisi und der Verzicht auf die stundenlange Orden-Arie samt Laudationes hatten die Liste der Ehrengäste verkürzt. «Ich habe sehr wohl überlegt, ob ich komme», sagte Ex-Moderator Harry Wijnvoord («Der Preis ist heiß»). Da der Fehler aber erkannt und abgestellt wurde, sah er keinen Grund, fernzubleiben. «Meine Partnerin hat sich so darauf gefreut, das ist mir wichtiger als alles andere in der Welt.»

Auch Kaiser, der Dresden eng verbunden ist und alljährlich im Sommer mehrere ausverkaufte Konzerte an der Elbe gibt, will größeren Schaden für die Stadt vermeiden. «Es darf nicht sein, dass der Ball verschwindet, weil ein Fehler gemacht wurde.» Auch der wegen des «Umweltsau»-Liedes in die Schlagzeilen geratene WDR-Kinderchor blieb brav und sang ein Stück aus dem Musical «My Fair Lady» - für Schauspieler Armin Mueller-Stahl. Der Hollywoodstar ist der Onkel von Ballchef Frey und Stammgast beim Semperopernball.

Die kleinen Sängerinnen machten Mueller-Stahl unverhofft zum Rosenkavalier. Sie füllten seine Arme mit den langstieligen weißen Blumen, die der Mime kurzerhand den Damen in der Nähe reichte wie Ex-Eiskunstläuferin Tanja Szewczenko. «Ich habe nie gedacht, dass ein alter Mann so viele Rosen bekommt», sagte der 89-Jährige berührt.

Auch Sänger Roberto Blanco legte schon öfter im umgebauten Semperschen Opernhaus eine Sohle aufs Parkett, gemäß seinem Lebensmotto: «Ein bisschen Spaß muss sein», lachte er. Ihm war es «diesmal zu viel Politik», denn auch 75 Jahre Kriegsende und 30 Jahre Friedliche Revolution wurden auf der Bühne kurz besprochen.

Um Mitternacht machten Peter Maffay und Band den Musentempel schließlich zum Rockpalast - mit neuen Songs und alten Hits. Dabei stand ihr Auftritt kurz auf der Kippe. Die Künstler hatten zur Bedingung gemacht, dass Al-Sisi der Orden aberkannt wird. Frey beugte sich und rettete seinen Mitternachtsact. «Der Semperopernball hat eine Entscheidung gefällt, wir haben das geklärt, uns entschuldigt und distanziert», erklärte er beim Empfang vor dem Ball.

Die Demonstration im Zuge des 1. SeifenOpernBalls, dem satirischen Protest gegen die Ehrung von Al-Sisi, mit etwa 220 und eine Mahnwache von Amnesty International mit zwei Dutzend Teilnehmern blieben laut Polizei-Fazit friedlich. Insgesamt waren 130 Beamte im Einsatz.