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100 Gründe rot zu werden im Hygiene Museum

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Achsel­schweiß, Nackt­heit, Voyerismus: "Die Anlässe, sich zu schämen, sind zahllos", sagt der Berliner Philo­soph Daniel Tyradellis. Für die Ausstel­lung "Scham. 100 Gründe rot zu werden" im Deutschen Hygiene-Museum hat der Kurator rund 250 Objekte arran­giert, die das komplexe Thema beleuchten. In einer Vitrine, die sich durch drei Räume zieht und mit dem Beobachten und Beobachtet-Werden spielt, zeugen Medizi­ni­sches, Ethno­lo­gi­sches und Histo­ri­sches, Rituelles sowie Kunst­werke von den vielfäl­tigen Aspekten der Scham - von kultu­reller Verschie­den­heit über Stolz und Identität bis zu Scham­lo­sig­keit."Scham ist ein Thema zwischen Natur und Kultur, Körper und Gesell­schaft", sagte Direktor Klaus Vogel am Freitag vor der Vernis­sage. Es gehe um das Schämen, sich schämen, beschämt sein und fremd­schämen. Der Rundgang reicht von Moulagen von Körper­teilen, die von Anoma­lien wie den Auswir­kungen von Geschlechts­krank­heiten zeugen, bis zu einem Aquarium mit einer Scham­krabbe, die sich ihre großen Scheren vor die Augen hält.  Die Besucher können im Minia­tur­mo­dell des Wiener Behand­lungs­zim­mers von Sigmund Freud Geschichten des Schweizer Psycho­ana­ly­ti­kers Léon Wurmser lauschen, das Video einer zu Punkmusik wild tanzende Muslima betrachten oder sich selbst zum Affen machen. Dabei beobachten sie und werden zugleich beobachtet, erklärte Tyradellis. Beim Eintritt in ein Spiegel­ka­bi­nett etwa werden sie gewogen und das Ergebnis erscheint, sichtbar für die auf dem Rückweg befind­li­chen Betrachter."Auch rot zu werden ist ein Grund, sich zu schämen", sagt Tyradellis, der mit der Schau keine Antwort auf die Frage gibt, warum der Mensch errötet. "Man schämt sich, weil man rot wird und umgekehrt wird man rot, weil man sich schämt." Die Gründe, die man angeben kann, bildeten das Netz, in dem sich eine Gesell­schaft bewegt und über das sie sich definiert. "Der Begriff Scham ist negativ belegt, keiner schämt sich gern." Zugleich aber werden "scham­lose Zeiten" beklagt, in denen es keine Norm mehr gebe, an denen man sich ausrichten kann.  Penis­be­klei­dungen aus Afrika, Sado-Maso- und Henkers­masken oder italie­ni­sche Schwe­den­pornos sollen ebenso zur Beschäf­ti­gung mit dem Tabuthema anregen wie ein Rückblick auf die Prüderie vergan­gener Jahrhun­derte und Kulturen. Dabei ist auch Befremd­li­ches und Skurriles versam­melt wie eine Skulptur mit ausge­schla­genem Genital­be­reich, der von steine­wer­fenden Pilgern verstüm­melte Torso einer Venus oder die Merkzet­tel­samm­lung eines an Demenz erkrankten Mannes. (dpa)Die neue Ausstel­lung im Hygiene Museum ist bis zum 5. Juni 2017 geöffnet. Dienstag bis Sonntag 10:00 - 18.00 Uhr. Eintritt: 7 Euro, ermäßigt 3 Euro.