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Warum liegen so viele Bomben an der Carolabrücke?

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„Nicht schon wieder!“ wird sich so manch einer gedacht haben, als es am Dienstag erneut hieß: Bomben-Alarm an der Dresdner Carolabrücke! Es war bereits der dritte Fund innerhalb weniger Wochen an der teilweise eingestürzten Brücke.

Während bei dem ersten Fund noch eine Evakuierung und Entschärfung vor Ort notwendig war, kam man bei den beiden darauffolgenden Funden am 27. sowie 28. Januar nahezu glimpflich davon. Da die Zünder nicht mehr vorhanden waren, konnten die Blindgänger gefahrlos abtransportiert werden, die Sperrungen wurden aufgehoben.

Doch wieso werden so viele Bomben in Dresden entdeckt? Wie geht es mit den Funden weiter? Wir haben mit Experten vom Kampfmittelbeseitigungsdienst gesprochen und beantworten die wichtigsten Fragen.

Wohin wurden die Bomben gebracht?

Alle Blindgänger wurden von den Spezialisten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes mit einem Transporter nach Zeithain gebracht. Dort werden die massiven Stahlkonstrukte von 250 Kilogramm in einem Zerlegebetrieb zerkleinert.

Anschließend wird der Stahl der Produktion wieder zugeführt. Es wäre also gut möglich, dass daraus mal ein Spaten entsteht, sagte uns Sprengmeister Thomas Zowalla, der die Fliegerbombe am 8. Januar entschärft hatte.

Andre Mauermeister, der Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes sagte uns im Interview, dass große Kampfmittel auch durchaus mal "notgesprengt" werden, auf einem Sprengplatz nahe Zeithain. "Das sind dann die Kampfmittel, wo wir nicht mehr die Zeit haben, diese ordnungsgemäß zu vernichten".

Warum liegen so viele Bomben an der Carolabrücke?

Dresden wurde während des Zweiten Weltkriegs mehrfach bombardiert.  Am 13. und 14. Februar 1945 wurde die Stadt bei Angriffen britischer und amerikanischer Bomber großflächig zerstört, bis zu 25.000 Menschen verloren damals ihr Leben.

Dass Blindgänger bei Bauarbeiten entdeckt werden, ist daher nicht unüblich. Dass sie vermehrt bei Abrissarbeiten an der Carolabrücke im Wasser bzw. im Bauschutt entdeckt werden, hat aber einen speziellen Grund. Wie uns der Kampfmittelbeseitigungsdienst auf Anfrage sagte, war damals schnelles Handeln erforderlich. Um die Gefahr von liegengebliebenen Fliegerbomben zu beseitigen, wurden diese meist unmittelbar nach dem Angriff entschärft. 

"Die übergebliebenen Bombenkörper wurden in Trichtern oder jeglicher Art von Gewässern verbracht. So sind diese Bomben ohne Zünder unter anderem in den Fluss Elbe gelangt", heißt es von den Spezialisten. Kurz gesagt: Die entschärften Hülsen wurden teilweise in die Elbe geworfen. Durch die Abrissarbeiten und die stark veränderte Strömung gerieten diese an die Oberfläche, weshalb es vor allem in diesem Bereich zu vermehrten Funden kommen kann.

Sind Bomben auch ohne Zünder gefährlich?

Auch wenn es heißt, die Bombe hat keinen Zünder, ganz ungefährlich sind die Blindgänger nicht. Denn immerhin befinden sich diese seit mehr als 80 Jahren im Wasser oder unter der Erde.

Aufgrund der Liegedauer seien die Inhaltsstoffe der Bombenkörper, insbesondere das Sprengmaterial, empfindlicher gegen Reib-, Stoß- und Schlagwirkung geworden, so die Experten für Kampfmittelbeseitigung. Und: "Weiterhin können mit der Verlagerung aus dem Medium Wasser an die Luft Stoffveränderungen einhergehen, welche die Handhabungsfähigkeit des Bombenkörpers herabsetzt und dieser dann nicht mehr lagerfähig ist."

Somit sind Bombenkörper auch ohne Zünder als gefährlich einzustufen. Außerdem gilt als wahrscheinlich, dass die Carolabrücke bei ihrem Einsturz auf die Bomben fiel. Man habe großes Glück gehabt, sagte schon Tiefbauamtschefin Simone Prüfer: "Es hätte sonst was passieren können".

Es gibt Bomben, die seit Jahrzehnten daliegen und schon hochgegangen sind, sagte uns der Spezialist des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Andre Mauermeister. Glücklicherweise sei das bislang nur in unbewohnten Gebieten passiert.

Wie viele Bomben werden noch entdeckt?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Klar ist, dass es höchstwahrscheinlich nicht der letzte Bombenfund an der Carolabrücke war. Wie oben erklärt, wurde Dresden von zahlreichen Bomben getroffen, nicht alle detonierten.

Eine systematische Absuchung der Elbe nach Blindgängern ist dem Kampfmittelbeseitigungsdienst nicht bekannt. "Bei dem Bau der Waldschlößchenbrücke, das war 2011, da wurde rundherum abgesucht", so Mauermeister. Bei anderen Brücken sei das aber nicht bekannt. Die Carolabrücke wurde 1971 errichtet.

Nach Ansicht des Militärhistorikers Jens Wehner gab es eine relativ hohe Quote an Blindgängern. Von bis zu 20 Prozent ist die Rede. Unter bestimmten Konstellationen könne es auch zu spontanen Selbstzündungen kommen. "Das heißt aber nicht, dass nun in jedem Fall und jeden Moment eine Bombe explodieren kann. Aber beschäftigen wird uns das noch eine ganze Weile", so Wehner.

Wehner zufolge stellen vor allem Bomben mit einem chemischen Zünder ein Problem dar. In der Regel seien sie mit einer Verzögerung versehen. Einen solchen Mechanismus habe man damals eingebaut, um etwa Räumkommandos zu treffen. Produktionsmängel dürften bei Industrienationen wie Großbritannien und den USA dagegen geringere Rolle gespielt haben. Man müsse davon ausgehen, dass die Qualität der Munition im Kriegsverlauf etwa gleich blieb. 

Ging schon einmal ein Bombeneinsatz schief?

Ja. Im Mai 2018 gab es einen großen Einsatz an der Löbtauer Straße. Damals war ein Teil des Sprengkörpers explodiert, als Experten versuchten, den Zünder aus der Ferne mit einer sogenannten Raketenklemme zu entfernen.

In der Folge entzündete sich auch das Dämmmaterial in der unmittelbaren Umgebung. Drei Tage lang hielt der Ausnahmezustand für Dresden an, 9.000 Menschen mussten evakuiert werden. Erst dann konnte die Bombe gefahrlos abtransportiert werden.