• fotolia.com © eyetronic

Wohnformen der Zukunft: Alternativen mit Perspektive

Zuletzt aktualisiert:

Die Wände aus Autoreifen und Altglas, der Boden aus Kronkorken und die Türklinken aus demontierten Autogriffen. Ein solches Design spricht wahrhaftig nicht jeden an, doch ein Haus mit diesen Details ist alles andere als uninteressant. Dan Phillips, ein Konstrukteur aus den USA, hat es sich zum Prinzip gemacht, die Dinge zu verwerten, die andere wegschmeißen.

Er hat der Wegwerfgesellschaft den Kampf angesagt und sorgt zugleich für bezahlbaren Wohnraum. Das klingt auf den ersten Blick sehr gewöhnungsbedürftig, doch auf den zweiten Blick, wenn man sich die Bilder seiner Häuser ansieht, erkennt man den Spirit, der von ihm ausgeht. Die Kraft seiner Idee ist überwältigend, denn sie löst drängende Grundprobleme unserer Zeit. Eines ist, dass Wohnen für viele zu teuer geworden ist.

Es gibt noch weitere Wohnkonzepte, die die Themen Nachhaltigkeit und Bezahlbarkeit kombinieren und zu einer echten Alternative zu den bekannten Wohnformen in konservativ geplanten Häusern machen.


Earthship: Wohnen mit kleinem ökologischen Fußabdruck

Der Erfinder von Earthship ist Mike Reynolds. Earthship heißt wortwörtlich übersetzt „Erdschiff“. Die Zutaten sind Glasflaschen, ein paar Balken, Autoreifen und ganz viel Erde. Jeder, der die nötige Fläche zur Verfügung hat, kann zusammen mit ein paar Freunden ein Null-Energiehaus bauen. So ist zumindest die Vorstellung von Reynolds. Mit seinem kostengünstigen Konzept werden Eigenheime für jedermann erschwinglich.

Der Schöpfer der Earthships nennt seine Häuser „radikal“ und „nachhaltig“. Über Jahrzehnte hat er das Konzept verfeinert und perfektioniert. Das Ergebnis ist ein Bauwerk, das sich selber beheizt und sogar sein eigenes Wasser produziert. Die Idee ist revolutionär. Es werden entweder Materialien benutzt, die massenhaft zur Verfügung stehen oder aber nachwachsende Rohstoffe wie Holz.

Der Hauptbaustoff sind ausgediente Autoreifen. Alleine in Deutschland gibt es Jahr für Jahr 650.000 Tonnen davon. Füllt man einen Autoreifen mit Erde, ist er nicht nur stabil. Zusätzlich hat er hervorragende dämmende Eigenschaften. Die Bauweise ist relativ simpel, das Haus wird ein Stück in den Boden eingelassen. Dadurch entsteht ein künstlicher Hang, der das Gebäude von drei Seiten umfängt. Eine Seite ist komplett verglast und dient als Heizung sowie Wintergarten. Hier können die Bewohner Gemüse anbauen. Menschen, die in einem Earthship Haus wohnen, benutzen Regenwasser und bereiten es selbst zu Trinkwasser auf. Eine Bio-Kläranlage sorgt dafür, dass Abwässer gereinigt werden. Wichtig ist, dass in einem Earthship Haus keine bedenklichen Stoffe benutzt und ins Wasser eingeleitet werden.

Die ungewöhnliche Wohnform kann in der Dordogne (FR) in Augenschein genommen werden. Arte TV hat einen Beitrag darüber gedreht und zeigt, wie das revolutionäre Erdschiff entsteht. Auch in 74594 Kreßberg (D) ist das erste Erdschiff gelandet. Die Bewohner laden regelmäßig zu Führungen ein und berichten über ihre Erfahrungen.

Die 100-Euro-Wohnung in Berlin: Leben auf 6,4 Quadratmetern

Das Carl-Herz-Ufer in Berlin ist Schauplatz einer ungewöhnlichen Wohnform. Hier steht das Mini-Haus von Architekt Le-Mentzel. Die Grundmaße von 2 x 3,20 Metern unterschreiten sogar die eines durchschnittlichen Vans. Und so fällt das Tinyhouse „Tiny100“ auch gar nicht weiter in der Reihe der Autos auf. Kann man auf 6,4 Quadratmetern überhaupt leben? Man kann, sagt der Architekt, der jeden Quadratzentimeter akribisch geplant hat. Und das ist auch nötig, denn auf der winzigen Fläche müssen Küche, Dusche, Toilette, Sofa, Bett und Schrank untergebracht werden und trotzdem noch Platz für den Bewohner lassen.

Der Name „Tiny100“ steht für die Kosten, die das Haus monatlich verursacht. 100 Euro sollen die Betriebskosten betragen und zwar inklusive Wasser, Strom und Heizung. Und auch hier lässt sich trotzdem noch einiges einsparen, obwohl es nur um die Beheizung von 6,4 Quadratmetern geht. Im Tiny100 lässt sich Wärme nicht so einfach an einem Thermostat regulieren, denn das Häuschen wird mit einem Holzofen beheizt. Die Bewohner müssen sich erst daran gewöhnen, dass sich mit einem einzigen Holzscheit innerhalb von wenigen Minuten das Häuschen auf fast tropische Temperaturen heizen lässt. Hier bedeutet Ressourcenschonung, die Größe der Holzscheite mit Bedacht auszuwählen und sich zur Sicherheit einen Kapuzenpullover zum Schlafen anzuziehen.

Es ist kein Geheimnis, dass die Heizperiode in Deutschland von Mitte September bis Mitte Mai andauert. Das sind rund 8 Monate, in denen geheizt wird. Nun sollte ein Leben auf kleiner Fläche nicht dazu verleiten, sorglos mit Heizenergie umzugehen. Vielmehr liegt es in der Natur der Sache, dass die Ressourcenschonung radikal umgesetzt wird – genauso wie bei den eingangs erwähnten Earthship Häusern. Das gilt vor allem auch für die Heizenergie. Die ideale Raumtemperatur ist vom Zeitraum, dem Ort und dessen Größe abhängig, liegt in der Regel aber zwischen 20 und 23 Grad. Jedes Grad weniger spart noch einmal 6 % Prozent Kosten ein. Aus physiologischer Sicht sind 20 Grad Raumtemperatur perfekt, denn dann ist der Stoffwechsel aktiv, die Fettverbrennung und Eigenwärmeproduktion ideal. So lebt es sich optimal im Einklang mit der Natur, und zwar über und unter der Erde.

Wer wohnt im Tiny100? Das Haus ist ein Modellprojekt, es soll den Menschen zur Ansicht und zum Ausprobieren dienen. Vermietet wird es für 100 Euro monatlich. Manchmal wohnen sogar zwei Personen drin, wie der ZDF-Beitrag „Leben auf 6 Quadratmetern“ zeigt.  Das dort gezeigte Pärchen ist inzwischen auf den Geschmack gekommen und plant sein eigenes Tiny House. Es muss aber etwas größer sein und soll Platz für den Anbau von Obst und Gemüse bieten.

Langfristig plant Le-Mentzel, in Berlin einen großen Wohnkomplex von Tinyhouses zu erschaffen. Seine Vision ist, dass mehrere Tiny100 um einen Gemeinschaftsbereich herum gruppiert werden. In dem Gemeinschaftsbereich gibt es Platz zum Arbeiten, Kochen, Spielen, Kommunizieren. Gemeinsam nachhaltig leben ist ein Konzept, das nicht nur in Berlin Schule macht.

Designer Siedlung in der Schweiz:
Erdhäuser sprechen spezielles Klientel an

Ganz anders als die Recycling Häuser von Mike Reynolds nehmen sich die Erdhäuser des Schweizer Architekten Vetsch aus. Auf einer Fläche von 4.000 Quadratmetern liegen hier mehrere Siedlungshäuser in einem hufeisenförmigen Hügel. Sie gruppieren sich um einen Weiher herum, der Blick aus den Häusern heraus ist idyllisch, fast schon kitschig.

Die Erdhäuser wirken wie Höhlen, weisen runde Eingangsportale auf, die ein wenig an die Hobbit Höhlen aus „Herr der Ringe“ erinnern. Der größte Teil der Höhlenhäuser befindet sich unter der Erde. Bis zu 200 Zentimeter dick ist die Erde, die die Wohnräume bedeckt. Das wirkt sich günstig auf die Heizkosten aus, erklärt der Architekt. Gut 30 Prozent sparen die Bewohner der Erdhäuser ein. Immerhin stehen in der Schweiz schon mehr als 30 dieser ungewöhnlichen Energiesparhäuser mit direkten Kontakt zu Mutter Erde. Umweltbewusstsein, Ressourcenschonung, Integration – im Einklang mit der Natur leben ist das Konzept, das es aus der Schweiz bis auf die Krim geschafft hat. Hier sollen bis zu 50 Häuser in vergleichbarer Bauweise entstehen, 2015 waren bereits 27 von ihnen errichtet.

Energiesparen in Mehrgenerationenhäusern

In ganz Deutschland gibt es Wohnkonzepte, die sich aus verschiedenen Bausteinen der vorgestellten innovativen Projekte zusammensetzen. Unter dem wenig aufregend klingenden Namen „Mehrgenerationenhaus“ finden sich Wohnformen wieder, die sich bereits über Jahre bewährt haben und flexibel sind. Je nach Projektträger fällt der Schwerpunkt individuell aus. Die Vorteile von Mehrgenerationenhäusern liegen auf der Hand:

•    Viele Menschen teilen sich Wohnraum und unterstützen sich gegenseitig.
•    Alte und kranke Personen können menschenwürdig betreut und gepflegt werden.
•    Junge Familien erfahren Unterstützung bei der Kindererziehung, -betreuung und -versorgung.
•    Einsame Menschen erhalten Zugang zu einer Gemeinschaft.
•    Investitionen in nachhaltige/innovative Technik wird in der Gemeinschaft bezahlbar.
•    Gemeinsames Wohnen senkt den Energieverbrauch.

Die Themen Umwelt und Ressourcenschonung sind seit Jahren aktuell, wie auch Schüler aus Dresden Anfang 2017 unter Beweis stellten. Die Zeiten haben sich geändert und es ist an jedem selbst, seinen Ressourcenverbrauch anzupassen. Gemeinschaftlich zu wohnen ist eine Entscheidung, die erheblich zur Ressourcenschonung beiträgt. Gemeinsam wohnen verbraucht weniger Platz und in gemeinschaftlichen Wohnprojekten wird pro Kopf weniger Energie verbraucht. Beispiele für Mehrgenerationenhäuser gibt es viele. Hier folgen zwei Beispiele von Projekten mit unterschiedlichen Schwerpunkten:

Mehrgenerationenhaus Soest

Hier leben 8 Parteien in einem ökologisch errichteten Haus. Unter dem Label „Ein Haus für Alle“ fanden sich 20 Personen zusammen, die ein wunderschönes Traumhaus mit viel Holz, Cellulose Dämmung, Lehmputz, Solarzellen und Photovoltaik errichteten. Auf dem Gelände liegt ein kleineres Gemeinschaftswohnhaus, das ganz im Zeichen der Inklusion steht. Es bietet sogar eine Gästewohnung an, so dass jeder die Chance hat, sich ein Bild aus erster Hand zu machen.

Mehrgenerationenhaus Kempen

„Jeder so, wie er will und kann“ lautet das Motto dieses Mehrgenerationenhauses. Im Kern des Konzepts steht das Ziel, Jung und Alt unter einem Dach zu beherbergen. Die Wohngemeinschaft engagiert sich stark füreinander und trifft sich regelmäßig. Dann ist Gelegenheit, sich besser kennenzulernen und gemeinsam Wünsche zu besprechen und umzusetzen. Der klare Fokus liegt hier auf dem Miteinander – und es findet alles unter einem begrünten Dach statt. Das Thema Nachhaltigkeit hat ebenfalls einen hohen Stellenwert, der sich auf das menschliche Miteinander ausdehnt. Respekt, Toleranz, Akzeptanz für alle.

Fazit: Der Trend zu nachhaltigen Wohnkonzepten ist im Bewusstsein der Menschen verankert, geht unaufhaltsam weiter und wird unser Leben und Wohnen immer stärker verändern.