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Stichwort Leistungsgesellschaft: Gehen wir zu weit?

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These: In unserer heutigen Zeit zählt in vielen Bereichen nur noch maximaler Output. 100 Prozent sind nur noch das Minimum und der Zwang, Leistung zu bringen, schleicht sich immer mehr ins Privatleben ein. Nicht wenige Arbeitnehmer wissen nicht einmal, dass sie gesetzlichen Anspruch auf Pausen haben. Die Folge: Immer mehr Menschen gehen regelmäßig über ihre Leistungsgrenze hinaus – mit allen gesundheitlichen Schäden, die sich dadurch ergeben. Doch ist das alles wirklich so? Sind wir eine Gesellschaft, deren Anforderungsprofile sich immer weiter vom Menschenmöglichen entfernen? Der folgende Kommentar will dem nachgehen.

1. Den Krankheitszahlen auf der Spur

Die wenigsten Arbeitnehmer würden, befragt nach ihrem Stresslevel, mit einem „ich fühle mich unterfordert“ antworten. Ganz im Gegenteil, denn eine europaweit durchgeführte Studie kam zu dem Ergebnis, dass 44 Prozent der befragten Deutschen – und damit die Majorität unter den Europäern – sich oft oder sogar sehr oft gestresst fühlen. Doch leider sind solche Fragen, so beeindruckend die Ergebnisse auch wirken, wenig aufschlussreich, denn die Antwort ist immer etwas subjektiver Natur.

Aussagekräftiger wird es schon, wenn man einen Blick in die medizinischen Statistiken wirft, weil diese sich nur mit ärztlich bestätigtem Stress befassen. Und da kommen die Krankenkassen zu einem mehr als eindeutigen Ergebnis, denn die Anteile an den Arbeitsunfähigkeitstagen durch psychische Erkrankungen gehen seit 2010 messbar nach oben:

•    2010: 12,1%

•    2012: 14,5%

•    2014: 16,6%

•    2016: 17,1%

Eine Steigerung von immerhin vier Prozent binnen sechs Jahren. Das heißt, jeder Sechste, wird krankgeschrieben, weil er rein psychisch überfordert ist. Rechnet man dann noch die ähnlich gelagerten Anstiege bei physischen Krankheiten hinzu, die ebenfalls mit überhohem Stress in Verbindung stehen, ist es offensichtlich, dass die Leistungsgesellschaft sich hin zu einer Überlastungsgesellschaft entwickelt.

2. Der Zwang zum Wachstum

Stellt sich die Frage nach dem Warum. Von allem, was noch kommen wird, ist diese am leichtesten zu beantworten, denn der Hintergrund ist pauschal gesagt das Wirtschaftswachstum. Deutschland ist schon von den reinen Zahlen her ein Wirtschafts-Gigant, der derzeit auf Platz vier der größten Weltwirtschaften liegt.

Doch um dem Volks-Stress auf den Grund zu gehen, ist es notwendig, einen Blick auf Größe und vor allem Bevölkerungszahlen zu werfen. Die ganz großen Volkswirtschaften, USA und China, haben ein Vielfaches der Einwohnerzahl Deutschlands. Chinas hohes Bruttoinlandsprodukt (11,21 Mrd. $) ruht auf den Schultern von fast 1,4 Milliarden Menschen – wohingegen Deutschlands BIP (3,46 Mrd. $) nur von 82 Millionen Menschen erzeugt wird. Also die 17-fache Bevölkerungsanzahl für „nur“ knapp dreifaches BIP. Selbst wenn man unterschiedliche technologische Standards und Produktionsphilosophien zugrunde legt, ergibt sich daraus ein Bild, auf dem deutsche Arbeitnehmer weitaus mehr leisten müssen, als ihre ausländischen Kollegen.

Doch wie in allen Volkswirtschaften kommt noch die „Verdammnis zum Wachstum“ hinzu. Wir sind buchstäblich dazu verpflichtet, jährlich noch ein wenig mehr zu leisten. Denn eine schrumpfende oder auch nur stillstehende Konjunktur hat vielfältige negative Auswirkungen, die sich bis ins Privatleben ziehen.  

Kritischster Punkt daran ist, dass Wachstum nicht grenzenlos ist. Ein Grund, warum heute so viele Arbeitnehmer über sich hinausgehen müssen, ist der schlichte Mangel an mehr Fachleuten, welche die Einzelbelastung etwas abmildern würden. Schon heute pendeln viel Sachsen meilenweit und das nur, weil sie zu wenige Kollegen haben. Ohne zusätzliche Kräfte hat jedes Wirtschaftswachstum einen klar Endpunkt, an dessen Schwelle wir uns derzeit befinden. Und je höher entwickelt eine Nation ist, desto langsamer erfolgen die Anstiege, weil weiteres Anwachsen großen Entwicklungsaufwand benötigt – mit ein Grund, warum Chinas Wirtschaft so rasant wächst, denn dort war bis in die 90er der Entwicklungsstand sehr gering, sodass schon mit kleinen Verbesserungen viel erreicht werden konnte.

3. Der Teufel in uns selbst

Doch antreibende Chefs und zu wenige Kollegen sind nur eine Seite der Stress-Medaille. Der andere ist das Kulturelle. Erst kürzlich ging beispielsweise wieder durch die Medien, dass eine japanische Journalistin durch Überarbeitung mit nur 31 Jahren starb. Hintergrund ist zum einen eine, gerade im japanischen und südkoreanischen Raum herrschende Philosophie des stillen Leidens. Der gesellschaftliche Druck ist dort so hoch, dass Angestellte es nicht wagen, dagegen aufzubegehren. Sie leisten immer mehr, bis Körper oder Geist schlichtweg aufgeben.

Davon ist man in Deutschland zwar rein kulturell weit entfernt, doch auch bei uns gibt es die klassische Arbeitskultur:

•    „Arbeit adelt“

•    „Leben, um zu arbeiten, statt arbeiten, um zu leben“

•    „Lerne leiden, ohne zu klagen“

Das kennt man auch in der deutschen Sprache. Bei uns und generell in der westlichen Kultur steckt zwar weniger gesellschaftlicher Druck dahinter, aber weitaus mehr persönlicher. Das zeigt sich auch abseits der Arbeit, namentlich bei der Historie des Dopings im Leistungssport. Da kam ein US-Arzt in den 1990ern bei einer Umfrage unter Olympioniken zu dem Ergebnis, dass 98% der Befragten definitiv dopen würden, wenn sie unter Garantie nicht erwischt würden. Viel signifikanter für die Thematik ist jedoch die zweite Antwort: Die Hälfte wollte auch dann dopen, wenn sie zwar für fünf Jahre alles gewinnen würden, aber anschließend wegen der Mittel sterben müssten … Und das in einer Sportkultur, in der Doping wohlgemerkt eher auf Freiwilligkeit basierte, entgegen dem Ostblock, darunter auch die DDR, wo die chemische Leistungssteigerung oft von oben verordnet wurde.

Dieses Beispiel kann, abgemidlert, auch jeder Arbeitnehmer auf sich selbst anwenden: Haben wir nicht alle schon mal freiwillig länger gemacht? Sei es, damit ein Projekt vorzeitig fertig wurde, weil ein Kollege Probleme hatte oder weil wir uns profilieren wollten? Wirtschaftswachstum zwingt uns zwar zu Mehrleistungen, vieles entspringt jedoch unserer eigenen Freiwilligkeit. Und nur dort kann der Lösungshebel ansetzen.

4. Es geht nur durch Disziplin

Selbstdisziplin ist heute der Schlüssel zu fast allem. Es ist einfach so: Der Traum von einer Gesellschaft, die von 20-Stunden-Wochen gut lebt, ist einfach nicht kompatibel mit der Realität, so schön er auch klingt. Dazu ist die Welt zu globalisiert, würden Firmen zu schnell abwandern und Deutschland in ein Chaos von zu wenigen Steuerzahlern und zu vielen Hilfebedürftigen stürzen.

Nein, diese Seite der Leistungsgesellschaft lässt sich heute nicht mehr korrigieren. Zumal es auch nicht mehr möglich ist, den klassischen Traum vom Tellerwäscher zum Millionär zu leben. Natürlich ist das ungerecht, natürlich erweitert das die Kluft zwischen Arm und Reich. Aber gerade deshalb müssen Normalverbraucher sich „am Riemen reißen“ und akzeptieren, dass Mehrleistung aus rein persönlichen Zielen nichts bringt, was in Relation zum geleisteten Aufwand steht. Selbst offizielle Studien belegen, dass Mehrleistung sich für Normal- und Geringverdiener kaum noch lohnt. Allein schon deshalb, weil das meiste davon durch Abgaben wieder aufgefressen wird. Und dass man trotz dutzender Überstunden bei Beförderungen oft übergangen wird, sollte auch klar sein.

Selbstdisziplin tut Not. Und zwar in der Hinsicht, dass wir lernen müssen, uns selbst zu bremsen. Mehrarbeit nur, wenn sie angeordnet ist. 140 Prozent nur dann, wenn es wirklich einen Ausgleich gibt. Arbeitnehmer haben die Zahlen auf ihrer Seite: Der Fachkräftemangel erlaubt es heute nicht mehr, jemanden zu feuern, der gute Arbeit macht, sich aber nicht für den Job total verbrennt. Im Gegenteil, die großen Arbeitgeber in der Industrie sind schon heute nach Kräften bemüht, gute Leute zu halten, die auch für das Unternehmen brandgefährliche, eigenverantwortliche Überarbeitung ihrer Mitarbeiter zu bremsen. Und langsam sickert dieses Wissen auch in die Mittelschicht durch.  

Fazit

Aus unserer Leistungsgesellschaft wurde erst über viele Jahre hinweg eine Hochleistungsgesellschaft und heute eine Überlastungsgesellschaft. Globalisierung und Wirtschaftswachstum sind zwar ein Grund, aber längst nicht der Bedeutendste. Was zählt, ist, wie sehr wir alle uns selbst antreiben. Und da hilft es schon, einfach mal einen Gang herunterzuschalten. Das Bessere ist nicht zwingend der Feind des Guten. Zumindest dann nicht, wenn das Bessere erfordert, dass man sich selbst demoliert.