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Schoßhunde - Vom höfischen Luxushund zum trendigen Stadtbewohner

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War der Besitz von Schoßhunden jahrhundertelang nur den Damen des Adels am Hofe vorbehalten, sind die kleinen Vierbeiner heute aus dem Stadtbild schlicht nicht mehr wegzudenken. Während der Pudel in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts auf dem Höhepunkt seiner Popularität bei hiesigen Hundehaltern stand, liegen heute vor allem die Minirassen Yorkshire Terrier, Malteser und Chihuahua im Trend. Doch woher kommen eigentlich diese Schoßhunde und wie wurden aus den höfischen Luxustieren trendige Stadtbewohner?

Der Schoßhund in Antike und Mittelalter

Bereits während der griechischen Klassik soll es einen langhaarigen und offenbar weißen Zwerghund gegeben haben, den auch die Römer kannten und der als Vorläufer des heutigen Maltesers gilt. Der Ursprung dieser Rasse lässt sich bis ins alten Ägypten der Pharaonen zurückführen. Auf griechischen Vasen findet man Abbildungen junger und wohlhabender Frauen, die sich mit sehr kleinen Hunden spielend die Zeit vertreiben.

Dass äußerst kleine Hunde auch in der römischen Antike gehalten wurden, belegen archäologische Funde von Hundeskeletten aus dieser Zeit. Ihre genaue Funktion ist jedoch heute nicht mehr sicher zu bestimmen. Vermutlich wurden diese kleinen Hunde bereits primär zur eigenen Unterhaltung gezüchtet, wobei es auch denkbar ist, dass diese Hunde als Kutschen- oder Wachhunde fungierten.

Auf mittelalterlichen Gemälden findet man kleine Hunde, die ihrem Aussehen nach einigen heute bekannten Schoßhunden ähnlichsehen. Da diese Hunde zumeist im Kontext städtischer Siedlungen und höfischer Kultur dargestellt werden, ihre Halsbänder kostbar verziert sind und sie nicht selten auf dem Arm getragen werden oder gar höfischen Festen bzw. Ritualen beiwohnen, gilt spätestens seit dem Spätmittelalter die Existenz von Schoßhunden als gesichert. Diese ersten „echten“ Schoßhunde galten als Gesellschaftshunde und Statussymbole zugleich, denn nur Wohlhabende konnten sich einen Hund leisten, der keinen direkten Nutzen hat, wie etwa Jagd- und Hirtenhunde. In der Kunst des Mittelalters galten die kleinen Hunde als Symbol für eheliche Treue und werden in unmittelbarer Nähe zu den Eheleuten auf den Bildwerken dargestellt. Da nur wohlhabende und mächtige Personen Kunstwerke in Auftrag geben konnten, zeigt sich auch hier die enge Verbundenheit von Schoßhunden und herrschender Oberschicht – eine Konstellation, welche die kleinen Vierbeiner besonders exklusiv und daher begehrenswert machte. Bis ins 20. Jahrhundert wird es dauern, bis Schoßhunde auch von breiten Schichten der Bevölkerung gehalten werden.

Der Schoßhund in der Neuzeit

Während der Neuzeit hatten sich die Schoßhunde als Statussymbole an den Höfen der europäischen Herrscher etabliert und wurden vorwiegend von der aristokratischen Damenwelt gehalten. Doch auch die kleinen Luxushunde waren in dieser Zeit nicht nur treue Spielgefährten und Kuschelpartner, sondern hatten auch eine Funktion. Da ihre Körpertemperatur bis zu 2 Grad Celsius über der des Menschen liegt, dienten sie als eine Art Schutzschild vor Flöhen, die sich dann lieber im Fell der Tiere als im Haar der feinen Damen ansiedelten. Während der Epoche des Barock bzw. Rokoko hatte sich im Volksmund die alternative Bezeichnung „Punzenlecker“ etabliert, da man Hündchen und Besitzerin ein erotisches Verhältnis unterstellte. Punze war damals eine geläufige und zugleich vulgäre Bezeichnung für die weibliche Scham. Fest steht: Damit die Vierbeiner bequem auf dem Schoß Platz nehmen konnten, wurden im 17. und 18. Jahrhundert immer kleinere Hunde gezüchtet. So wurde aus dem stattlichen Königspudel, der sich ursprünglich durch seinen Jagdinstinkt einen Namen gemacht hatte, schließlich der Zwergpudel, der es sich lieber auf dem Schoße seiner Besitzerinnen gemütlich machte. Doch nicht nur der Zwergpudel, auch der Malteser galt im 18. Jahrhundert als Schoßhund der feinen Gesellschaft.  So hielt die Mätresse des französischen Königs Ludwig XV. Jeanne-Antoinette Poisson, besser bekannt als Marquise de Pompadour, einen Malteser, was einen regelrechten Trend auslöste, der bis ins 19. Jahrhundert nachwirkte. Schließlich galt Frankreich damals hinsichtlich höfischer Trends in Europa als das Nonplusultra.

Der Schoßhund der Moderne

Im 19. Jahrhundert werden zahlreiche neue Hunderassen nach Europa eingeführt, die Maltesern und Zwergpudeln als Schoßhunde Konkurrenz machen. Der Pekinese, der aus dem Kaiserreich China stammt und dort lange nur dem Kaiserhaus als Palasthund vorbehalten war, wurde erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Großbritannien eingeführt. Den Briten war es zuvor gelungen, fünf der hochgeschätzten Tiere im Zuge des Zweiten Opiumkrieges 1860 aus dem kaiserlichen Palast zu entwenden. Einer der Pekinesen war ein Geschenk an Queen Victoria, die verbliebenen zwei Paare bildeten fortan die Stammeltern aller in Europa gezüchteten Pekinesen.

Zudem wurde in Großbritannien gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine neue Rasse gezüchtet, die sich aufgrund ihrer geringen Körpergröße schon bald als idealer Schoßhund erwies: der Yorkshire Terrier. Doch im Vergleich zum Pekinesen ist seine Herkunft weniger adelig. Seine Vorfahren wurden ursprünglich im Norden Englands als Haus- und Hofhunde gehalten. Hier diente er vor allem aufgrund seines Wesens als Wach- und Jaghund. Heutzutage werden diese Instinkte hauptsächlich nur noch mit Spielzeug und Kleintieren ausgelebt. Mit der Zunahme des Wohlstands im 20. Jahrhundert stieg die Nachfrage nach besonders eleganten und putzigen Artgenossen, so kam es durch Zucht zum heutigen Erscheinungsbild des Yorkshire Terriers.

Wie der Pekinese wurde auch der Chihuahua Mitte des 19. Jahrhunderts nach Europa eingeführt. Noch heute gibt es in der mexikanischen Provinz Chihuahua freilebende Hunde, die der heute populären Hunderasse ähneln. Vermutlich dienten die Vorfahren der kleinen Vierbeiner als Opferhunde in der Kultur der Azteken, wo sie angeblich von Priestern gehalten wurden und als Führer toter Seelen fester Bestandteil von Beerdigungszeremonien waren. Um ihre Halter auf der Reise ins Jenseits zu begleiten, sollen die Hunde geopfert worden sein.  Nach Europa gelangten die putzigen Schoßhunde über einen Umweg. Die arme Landbevölkerung Mexikos verkaufte Chihuahuas an US-amerikanische Touristen und Handelsreisende, welche die Tiere in die Vereinigten Staaten mitnahmen, von wo aus sie über den Seeweg nach Europa gelangten. Lange Zeit galt ihre Verbreitung in Europa als nicht sehr ausgeprägt, bis im 21. Jahrhundert ein regelrechter Hype einsetzte, ausgelöst durch Prominente, die Chihuahuas medienwirksam in Designerhandtaschen packten und auf die roten Teppiche dieser Welt mitnahmen.  

Der Schoßhund heute

Als vor etwa zehn Jahren Hotelerbin Paris Hilton begann, ihren Chihuahua Tinkerbell bei öffentlichen Auftritten wie ein Accessoire zu tragen, löste sie einen regelrechten Chihuahua-Boom aus, der auch nach Europa rüber schwappte. Schnell folgten andere Prominente wie die Sängerin Britney Spears, was die Lawine erst so richtig ins Rollen brachte. Die Nachfrage nach sogenannten „Handtaschenhunden“ stieg rasant, vor allem bei jungen Frauen. Das rief natürlich Tierschützer aus der ganzen Welt auf den Plan, die zu bedenken gaben, dass ein Tier niemals als ein modisches Accessoire betrachtet werden solle, sondern als ein schützenswertes Lebewesen, dass eingezwängt in eine Handtasche Qualen erleide. Zudem verwiesen die Tierschützer auf Züchter, die sich nicht an die Vorschriften hielten und so die Tiere auf engstem Raum züchteten, um möglichst stark von dem Trend finanziell zu profitieren. Auch die Prognose, schon bald werde der Trend vorbei sein und dann würden zahlreiche Tiere ausgesetzt oder ins Tierheim gebracht werden, sollte sich bewahrheiten. Denn schon bald platzten die Tierheime tatsächlich aus allen Nähten, da viele selbsternannte Trendsetter keine Verwendung mehr für die nunmehr ausgewachsenen Tiere hatten. Neben Chihuahuas waren es vor allem York Shire Terrier und Malteser, die dieser Entwicklung zum Opfer fielen. Tierschützer sprechen bis heute vom Paris-Hilton-Syndrom.

In Deutschland ist dieser Hype in den letzten Jahren Gott sei Dank wieder abgeklungen und es bleibt für das Wohl der süßen Vierbeiner zu hoffen, dass dieser Trend nie wiederkommt. Schoßhunde müssen wie alle Hunde tiergerecht gehalten werden und brauchen echte Zuneigung, ein ganzes Leben lang.