• Kleiderständer von Ketten, Restaurant-Schirme von Franchises bestimmen das Bild der Innenstädte. Nur ein Nachteil? (c) Fotolia

Die Verkettung der Innenstadt: Wenn Franchises und Filialen übernehmen

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Auf einem Spaziergang durch Dresden kann man sie an fast jeder Ecke sehen. Ladenketten. Ob als Burgerbräter, Fitnessstudio, Bäcker oder sogar Fahrschule und Donutladen. Immer mehr Einzelhandels- und Dienstleistungsbereiche werden von einigen „Big Playern“ beherrscht. In Dresden, so schätzt man, sind alleine im Einzelhandel über 68% der Geschäftsräume fest in der Hand von Ladenketten. Auf den folgenden Zeilen schauen wir uns nicht nur an, welche bedeutenden Ketten generell in Dresden vertreten sind, sondern analysieren auch, welche Vor- und Nachteile sich aus der Ketten-Übernahme ergeben.  

1. Dresdens Franchise-Könige

McDondald’s

Das „goldene M“ dürfte für die meisten Dresdner das mit Abstand sichtbarste Zeichen für eine Kette sein. Kein Wunder, denn im gesamten Stadtbereich gibt es respektable zehn der Restaurants.

Damit dürfte McDonald’s von allen Restaurantketten die Nase am weitesten vorne haben.

McFit

Gleiche Anfangssilbe, ähnliche Verbreitung aber gänzlich anderes Gewerbe. McFit ist das, was entsteht, wenn man den Franchise-Gedanken konsequent auf Fitness umlegt. Hier können die Dresdner aus immerhin zwei Studios wählen.

Nordsee

Auch ein weiteres Restaurant, allerdings deutscher Prägung, ist heute aus kaum einer Einkaufsmeile wegzudenken. Die aus Bremerhaven stammende, 1896 gegründete Nordsee-Restaurantkette ist nicht nur ein echter Exportschlager, dessen Filialen sich bis nach Dubai erstrecken, sondern ist auch in Dresden mit respektablen fünf Filialen vertreten.

Aldi

Die Amerikaner mögen vielleicht Restaurantketten-Könige sein, aber in Sachen Discounter hört der (fast) unangefochtene Weltmarktführer auf den Namen Albrecht Diskont – besser bekannt als Aldi. 65 Milliarden Euro Umsatz, 2400 Fillialen in Deutschland und weitere tausend um den ganzen Globus verteilt. Die Trennung in Aldi Nord und Aldi Süd ist ebenso global, hat aber für den Verbraucher kaum Bedeutung, denn das Sortiment ist nahezu deckungsgleich. Für Dresden ist Aldi Süd zuständig, im Norden wird aber demnächst Dresdner Wein verkauft. Schätzen Sie mal, wie viele Filialen es bei uns sind: Stolze 19 Stück zwischen Klotzsche und Prohlis.

H&M

Es gibt wohl keinen Dresdner, der nicht zumindest schon mal ein T-Shirt von der Kette mit den schwungvollen roten Buchstaben am Leib trug. Die 1947 in Schweden gegründete Hennes & Mauritz-Kette gehört heute mit einem Wert von 10 Milliarden Dollar zu den größten Modeketten der Welt – auch wenn sie in Dresden „nur“ fünfmal vertreten ist. Doch H&M steht auch immer wieder wegen seiner Produktionsbedingungen unter Beschuss.

2. Woher kommt der Trend?

Stellt sich die Frage, woher diese Verkettung kommt. Die Gründe dahinter sind vielfältig. Einer ist die Globalisierung, die Öffnung der Märkte, die alle begünstigt, die sich vergrößern wollen. Vielleicht ebenso wichtig ist jedoch auch, dass sich immer mehr Menschen für Dinge interessieren, die früher als Nische galten. Das zeigt sich schön im geradezu explodierenden Markt der Körperertüchtigung. Noch 2003 gab es deutschlandweit 6 Millionen Mitglieder in Fitnessstudios über 200m² Fläche. Mittlerweile sind wir bei über 8,1 Millionen – allein 2,15 Millionen, also etwas mehr als die gestiegene Mitgliederzahl, verteilen sich auf die fünf größten Fitnessketten. Verständlich: Einst waren solche Studios meist „Muckibuden“ für die Bizeps-Fraktion. Mit einem dramatisch gestiegenen Gesundheitsbewusstsein fluteten aber auch immer mehr Menschen in die Studios, die keine dicken Muskeln, sondern allgemeine Fitness im Sinn hatten. Mit einfach gehaltenen Modellen und geringen Kosten konnten Ketten diese Wünsche befriedigen. 

Auch in anderen Bereichen funktioniert dieser Grund: Einst nahm Deutschlands Fischhunger signifikant mit der Wohndistanz zu Küste und Flüssen ab. Dann kamen Rind- und Schweinefleischskandale, das Wissen um die Schädlichkeit roten Fleisches und nicht zuletzt Tierhaltungs-Kritik im Hinblick auf den Klimawandel. Und siehe da, die Deutschen essen wieder mehr Fisch – bedient durch das auch fern der Küsten fischreiche Sortiment, insbesondere von und durch Ketten.

3. Gleichmacherei?

Die Deutsche Apotheker Zeitung brachte es ziemlich gut auf den Punkt: „die deutschen Innenstädte wirken vielfach austauschbar“, schrieb das Informationsblatt und formulierte das aus, was vielen unter den Nägeln brennt. Denn die Verkettung führt natürlich dazu, dass man zwischen Dresden und Saarbrücken, Hamburg und München immer wieder über die gleichen Marken stolpert.  

Eine Sache des Geldes

Dabei muss man bedenken: Wenn etwas sämtliche Städte eint, dann die Tatsache, dass gerade in den „guten Lagen“ die Gewerbeimmobilienpreise durch die Decke gehen. Durch keine Mietpreisbremse im Zaum gehalten, wird die Situation zu einer typischen Huhn-Ei-Problematik: Die Mieten steigen – entweder weil oder sodass nur noch finanziell potente Ketten sie sich leisten können.

Vorteile

Hierzulande wird und wurde immer wieder das große Ladensterben beklagt. Hauptgrund: Der Vormarsch des Onlinekaufs. Interessanterweise liegt hier schon der größte Vorteil der Ketten. Denn sie allein sind durch ihre Größe in der Lage, sich diesem Ladensterben und somit dem Verlust von Arbeitsplätzen entgegenzustemmen.

Ein Deutschland der x-tausenden Einzelhändler würde nach und nach aussterben, die Einkaufspassagen wären tatsächlich leergefegt, statt nur einheitlich – in vielen kleineren Orten, die sich für Ketten nicht lohnen, lässt sich das bereits heute beobachten.

Zudem darf man nicht vergessen, dass Verkettung auch Sicherheit bietet: Was macht man beispielsweise, wenn man als Weltenbummler im hintersten Asien Angst vor der „durchschlagenden“ Wirkung der lokalen Küche hat? Man geht zu McDonald’s, Burger King oder Subway – eben, weil nur diese Ketten weltweit das gleiche anbieten können. Nicht zuletzt auch ein Vorteil für Allergiker.

Und auch im Jahr 27 nach der Wiedervereinigung liegt nach wie vor der Alpdruck von der Servicewüste Deutschland auf dem Einzelhandel – bis auf die Ketten. Denn egal ob eine davon in Deutschland oder im Ausland startete, die Internationalisierung brachte auch bessere Service-Sitten zurück zu uns.

Nachteile

All die genannten Vorteile können natürlich nicht verschleiern, dass das gesamte Ketten-, Filialen- und Franchise-System auch inhärente Nachteile produziert. Als da wären:

•    Der Preisdruck. Denn angefangen bei Mieten über Gehälter bis hin zu Ein- und Verkaufspreisen können Ketten die kleinen Geschäfte buchstäblich erdrücken, weil sie die Konditionen diktieren. Wenn eine Kette wie H&M von nur einem T-Shirt 20 Millionen produzieren lässt, dann kann bei den dadurch aufgerufenen Stückpreisen kein Bekleidungsgeschäft in Familienbetrieb mithalten.

•    Der Regionalitätsbezug. Je internationaler die Kette, desto gleichmäßiger muss das Angebot sein. Alles andere würde zu viel Geld kosten. Dass dabei sämtliche regionalen Feinheiten völlig auf der Strecke bleiben, ist ein großes Problem. Allerdings sind die Sachsen zumindest bei einem treue Regional-Seelen: beim Bier. Da setzen wir nämlich auf Radeberger.

•    Die Vielfalt. Jede Stadt ist historisch für etwas Besonderes bekannt. Doch je mehr sich Ketten und Filialisten ausbreiten, desto gleicher werden die Erwartungen aller Deutschen. Früher gab es etwa den Dresdner Christstollen praktisch nur bei uns, heute ist er – trotz Schutzmarke – das Vorbild für jeden Stollen, der bei Aldi, Lidl und Co. zwischen Flensburg und Garmisch zu finden ist.

Nicht unbedacht bleiben muss zudem, dass dadurch letztendlich auch das Unternehmertum als solches geschädigt wird. Denn ganz gleich ob es sich nun um ein in teilweiser Eigenregie betriebenes Franchise-Unternehmen handelt oder um Ketten: Wer solche Läden führt, ist nicht sein eigener Herr. Letztendlich bestimmt immer der große Mutterkonzern. Langfristig sorgt das für eine Verarmung im unternehmerischen Sinne, denn es werden immer weniger Geschäfte gegründet. Und darunter leiden auch die Arbeitsplätze, denn zehn Filialen einer Kette brauchen zusammen weniger Personal als zehn ansonsten gleichgroße Einzelgeschäfte.

Fazit

Die Verkettung der Innenstadt ist weder in Dresden noch sonst wo aufzuhalten. Allerdings hat das Prinzip ungleich den Kritiker-Vorwürfen, längst nicht nur Nachteile, insbesondere für Vielreisende. Und eines ist ganz sicher: Ohne die Übermacht der Ketten könnte man auch nicht derzeit das Revival der kleinen, extrem regionalen Unternehmen betrachten, die längst Vergessenes wieder auf den Tresen bringen.